Düsseldorf/Bielefeld. Es ist fix: Künftig sollen Realschulen ab Klasse sieben mit passenden Bildungsgängen dauerhaft Schülerinnen und Schüler aufnehmen dürfen, für die es mangels Angebot keinen Hauptschulplatz gibt. Mit dieser Maßnahme steht das 17. Schulrechtsänderungsgesetz in NRW heftig in der Kritik. Bildungs- und Lehrerverbände fürchten zum einen das Ende des dreigliedrigen Schulsystems und zum anderen eine massive Überforderung von Lehrkräften und Schülern. Denn statt die Bildung eigener Hauptschulklassen zu ermöglichen, wie auf breiter Front von Pädagogen gefordert, sollen die Schüler „binnendifferenziert“, das heißt, gemeinsam, aber mit unterschiedlichen Lehrplänen unterrichtet werden. Die gleiche personelle Ausstattung wie andere integrierte Schulformen, also Gesamt- oder Sekundarschule, erhalten die Realschulen dafür aber nicht. Neu ist die Regelung nicht. Beschlossen worden war sie als Übergangslösung bereits 2015, als die rot-grüne Landesregierung angesichts des Hauptschulsterbens tätig werden musste. Schon damals entschied man sich gegen eigene Hauptschulklassen und für die gemeinsame Unterrichtung nach zwei Lehrplänen – ein wesentlicher Unterschied zu Gesamt- oder Sekundarschulen, in denen differenziert nach einem Lehrplan unterrichtet wird. Verband der Realschullehrer fürchtet massive Überforderung für Lehrer und Schüler Für die jetzige Zementierung der Lösung im Schulgesetz hagelt es Kritik von Bildungs- und Schulverbänden. „Ich wehre mich nicht grundsätzlich gegen die Idee, dass Realschulen diese Aufgabe übernehmen sollen“, sagt Sven Christoffer, Verbandsvorsitzender von lehrer.nrw. „Aber gemeinsames Lernen braucht immer mehr Ressourcen. Hier die Realschulen auszunehmen, die immer mit am schlechtesten ausgestattet sind, entbehrt jeder Logik und ist mit meinem Verständnis von Gleichbehandlung nicht in Einklang zu bringen.“ So kommen beispielsweise an Realschulen auf eine Stelle 20 Schüler, an Sekundarschulen nur 16. Auch gebe es an Realschulen deutlich weniger Extrastellen für leitende Positionen. Als „Geburtsfehler“ bezeichnet der Vorsitzende des Verbands Deutscher Realschullehrer, Ralf Neugschwender, die 2015 gewählte Form der Hauptschulbildungsgänge an Realschulen, der neue Gesetzentwurf trage nichts dazu bei, diesen zu heilen. „Dieses Konstrukt entbehrt jedweder Logik, widerspricht der pädagogischen Vernunft und stellt eine massive Überforderung sowohl für die Lehrkräfte als auch für die Schüler dar.“Die größte Befürchtung vieler Kritiker ist aber, dass die Kommunen die neue Gesetzgebung nutzen werden, um die Hauptschulen und damit das dreigliedrige Schulsystem endgültig schleichend abzuschaffen. Zwar heißt es im Gesetzentwurf, dass Realschulen nur dann Hauptschulbildungsgänge einrichten können, wenn es in erreichbarer Entfernung keine Haupt- oder Gesamtschule gibt, oder dort Plätze fehlen. Fakt ist aber auch, dass es zukünftig deutlich günstiger sein wird, einen Hauptschullehrgang an einer Realschule zu betreiben, als zwei separate Schulen. „Ich kann es mir nicht anders vorstellen, als dass viele Kommunen diese Möglichkeit zur Einsparung nutzen und die Hauptschulen schließen werden“, so Sven Christoffer. „Gleichzeitig werden auf diese Weise viele Realschulen zur Sekundarschule light, zu einer integrierten Schulform. Damit brechen zwei Säulen des dreigliedrigen Schulsystems weg.“ Schulministerin Dorothee Feller (CDU) hingegen widersprach dieser Befürchtung im Schulausschuss. „Es geht hier nicht darum, die Hauptschulen zu schwächen oder gar abzuschaffen. Die Lösung ist ein Angebot, das Realschulen nutzen können, um Schülern wohnortnahe Bildung zu ermöglichen.“ Gesamtschulen in OWL vielerorts deutlich abgelehnt Tatsächlich begrüßt der Städte- und Gemeindebund NRW die Möglichkeit aufgrund der Situation in vielen Kommunen: „Vielerorts gibt es mangelnde Aufnahmekapazitäten bei Hauptschulen, zum Beispiel für die schulische Versorgung von Bildungsgangwechslern aus den Realschulen und für die Übergänger aus der sprachlichen Erstförderung“, teilt ein Sprecher mit. Häufig gebe es auch kein Hauptschulangebot für Schülerinnen und Schüler in angemessener Entfernung. Auch hier knüpft man das Angebot jedoch an die Forderung, dass ausreichend personelle Ressourcen bereitgestellt werden müssen. Für die Zukunft heißt das nun: Neben Gymnasium, klassischer Realschule, Hauptschule, Gesamtschule, bislang seltener Primusschule und Sekundarschule wird es in NRW immer mehr Realschulen geben, die ein bisschen Hauptschule sind. Fürsprecher, die daran glauben, dass diese Auswahl helfen wird, Schülerströme nach der Grundschule sinnvoll und besser zu verteilen oder zu lenken, sind schwer zu finden. Denn das Grunddilemma in OWL bleibt bestehen: Solange Eltern das dreigliedrige Schulsystem zur Verfügung steht, bevorzugen sie es in vielen Städten mehr als deutlich. Das hat auch damit zu tun, dass es im ganzen Regierungsbezirk Detmold nur noch fünf Hauptschulen gibt, viele Hauptschüler an Gesamtschulen unterkommen. Diese haben angesichts ihres Rufs als „Restschule“ oder „Problemschule“ mit stark rückläufigen Anmeldezahlen zu kämpfen. Der eigentliche Grundgedanke der Heterogenität, je ein Drittel Kinder mit Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialempfehlung, hat so keine Chance mehr. Gleichzeitig bleiben die Gymnasien erste Wahl und viele Realschulen können sich vor Anmeldungen kaum retten. Bielefeld, Löhne und Bad Oeynhausen sind Beispiele, die mehr als deutlich zeigen, wie ablehnend viele Eltern den Gesamtschulen mittlerweile entgegenstehen. Gesamtschulleiter aus OWL fordert grundlegende Veränderung des Schulsystems Genau das ist der Grund, weshalb die Einrichtung von Hauptschulbildungsgängen an Realschulen in vielen Kommunen in OWL erstmal kein großes Thema sein wird. Denn möglich ist das nur, wenn es keine gut erreichbaren Haupt- oder Gesamtschulen vor Ort gibt – oder dort keine Plätze frei sind. Das aber ist in OWL eben vielerorts durch die fehlende Beliebtheit der Gesamtschulen nicht der Fall. Ein Gesamtschulleiter aus OWL, der namentlich nicht genannt werden will, bringt es auf den Punkt: „Die Gesamtschulen funktionieren überall da in OWL, wo es keine gut erreichbaren Alternativen gibt oder andere Schulen einen noch schlechteren Ruf haben.“ Leopoldshöhe und Hiddenhausen seien dafür Beispiele. „Der jetzige Schritt, Hauptschulbildungsgänge an Realschulen zu zementieren, ist ein weiterer Versuch, ein Auffangbecken für die Schülergruppe mit geringer Leistungsstärke zu schaffen. Das hat mit den Hauptschulen nicht geklappt und die Gesamtschulen und vielerorts Sekundarschulen sind vor übergroße Herausforderungen gestellt.“ In den Augen des Pädagogen wäre der einzig funktionierende Schritt zur Lösung des Problems, die grundlegende Ständeordnung in der Schullandschaft zu verändern. „So sind doch unsere Grundschulen nichts anderes als richtig gut funktionierende Gesamtschulen. Alle Schüler und Schülerinnen unserer Gesellschaft werden dort unterrichtet. Wenn man das Problem lösen und nicht nur verlagern will, muss dieses Erfolgsmodell bis in den zehnten Jahrgang fortgeführt werden. Das bedeutet aber auch, das klassische dreigliedrige Schulsystem grundlegend zu verändern.“ Bielefeld zwingt Schüler in die Gesamtschulen Auch andere Experten aus OWL sehen in dieser Maßnahme die einzige Möglichkeit, integrierte Schulformen überhaupt für Eltern attraktiv zu machen. Sven Pachur leitet die Realschule Luisenschule in Bielefeld und muss seit Jahren, wie andere Realschulleitungen in Bielefeld auch, Dutzende Schüler pro Schuljahr ablehnen, weil er sie nicht aufnehmen kann. Anstatt ein in diesem Jahr erdachtes Konzept für Zusatzklassen zur Lösung des Problems anzuerkennen, verweist die Stadt Bielefeld auf die vielen noch freien Plätze an den Gesamtschulen. „Das ist ein systematisches Anarbeiten gegen die Realität, dass der Elternwille in Bielefeld ganz klar auf das dreigliedrige Schulsystem ausgerichtet ist“, so Pachur. Aus eigenen Erfahrungen in einem großen Grundschulsystem heraus, begrüßt dagegen Martina Reiske, ehemalige Grundschulleiterin der Sudbrackschule aus Bielefeld und Mitglied im Vorstand der Schulleitungsvereinigung NRW, das Vorgehen der Stadt Bielefeld und die Verweisung auf integrierte Schulformen. „Ich plädiere ganz klar für längeres gemeinsames Lernen, um dauerhaft Erfolg und Chancengerechtigkeit im Schulsystem zu garantieren.“ Eltern sollten über die Vorteile integrierter Systeme noch besser aufgeklärt werden. „Vor allem die Abschulungen nach Klasse sechs in die integrierten Systeme bedeuten für Schülerinnen und Schüler oft einen großen Bruch in der Schullaufbahn.“ Von außen aufs System schaut auch Bildungsforscherin Michaela Vogt von der Universität Bielefeld. Sie betrachtet die aktuelle Entwicklungen durchaus mit Sorge. „Ich bleibe dabei: Wir müssen in Deutschland Schule völlig neu denken. Das bedeutet, den Reset-Knopf drücken, Schulformen in ihrer Grundidee hinterfragen, Fächer und Niveaustufen flexibilisieren.“ Das Ausland, Neuseeland oder Schweden beispielsweise, lieferten an dieser Stelle zahlreiche Beispiele, wie man es besser machen könnte. „Trotzdem bewegen uns überforderte Lehrkräfte und Schüler nicht zum Neudenken. Es folgt eine unabgestimmte Teilreform auf die nächste - ohne, dass das große Ganze in den Blick genommen wird.“ Auch die Maßnahme, Hauptschulbildungsgänge an Realschulen zu etablieren, stößt bei Vogt aus diesem Grund auf Kritik. „Ich sehe hier die große Gefahr der versteckten Exklusion. Denn am Ende darf ein Hauptschüler an einer Realschule lokal zwar dabei sein, aber aufgrund seines Etiketts als Hauptschüler trotzdem nicht wirklich mitmachen.“