Die Eltern im Job, die Kinder in der Schule, das ist der Alltag der meisten Familien. Auch bei Familie Schormann (alle Namen geändert) war das so. Dann kam die Pandemie, und seitdem ist nichts mehr, wie es war. Denn Ben, der jüngste Sohn von drei Kindern, entwickelte gravierende soziale Ängste, traute sich zeitweise nicht mehr vor die Tür. Bis heute geht er nicht regulär zur Schule. Eine Situation, an der die Familie fast zerbrochen wäre – und unter der alle leiden. Der Druck ist Valerie Schormann deutlich anzuhören, selbst wenn man sie nicht kennt. Ruhig, gefasst und routiniert erzählt die Lehrerin vom Leidensweg ihrer Familie, aber es ist zu erahnen, durch welche Verzweiflungszustände die Mutter dreier Kinder in den vergangenen Jahren gegangen ist, wie viel Kraft und Nerven es sie und ihren Mann gekostet hat, alle fünf und besonders Ben, durch diese lange Zeit zu manövrieren. „Wenn wir keine psychologische Unterstützung gehabt hätten, auch und gerade wir Eltern, ich weiß nicht, wo wir dann wären“, sagt sie und überlegt kurz. „Ich weiß es nicht.“ Seit fünf Jahren leidet Ben unter einer schweren Angststörung. Sie beginnt in den Lockdowns der Corona-Pandemie, da ist er in der zweiten Klasse der Grundschule. Ben versteht den Ausnahmezustand nicht, klagt nach einiger Zeit häufig über Bauchschmerzen, weint viel und entwickelt Ängste. „Bei ihm ist angesichts der ganzen Nachrichten der Eindruck entstanden, dass die Welt da draußen ganz schlimm sein muss. Zeitweise hatte er auch große Angst davor, schwer krank zu werden, wenn er rausgeht“, sagt Schormann. Vater bleibt monatelang vormittags in der Schule Bei Mama und Papa zu sein ist das Einzige, was dem damals Siebenjährigen hilft. „Zu Hause war er ganz normal, nicht auffällig. Aber sobald es darum ging, das Haus zu verlassen, ging gar nichts mehr.“ Als die Schule wieder losgeht, wird es fast unmöglich, Ben dorthin zu bekommen. Zeitweise bleibt er nur, weil sein Vater den Vormittag im Schulgebäude verbringt. Die Schormanns informieren sich über die Erkrankung, lesen alles, was sie finden können, melden Ben für eine Therapie an, Wartezeit: ein Jahr. Mittlerweile hat Ben große Wissenslücken, hat eine Rechtschreibstörung entwickelt. Die dritte Klasse muss er wiederholen. „Das war uns sogar ganz recht, weil er als im August Geborener eh immer der Jüngste war, und wir ihn eigentlich gern noch ein Jahr im Kindergarten gelassen hätten“, sagt Valerie Schormann. Doch auch die Maßnahme hilft nicht. Dann bricht der Ukraine-Krieg aus, er befeuert Bens Ängste erneut massiv. „Das war wie ein Katalysator, weil die Nachrichten auf ihn so bedrohlich wirkten.“ Die Schule versucht, der Familie zu helfen und erlaubt Ben, ein Handy in den Unterricht mitzunehmen, von dem aus er seine Eltern jederzeit anrufen kann. „Ohne diese Lösung wäre es nicht gegangen“, erinnert sich seine Mutter, die sich von den Lehrkräften sehr unterstützt fühlt. Mittlerweile ist Ben in einer ambulanten Therapie. Die Therapeutin regelt viel für die Familie, bescheinigt, dass Ben nicht beschulbar ist, bietet den Eltern Halt und Rat. „Aber Ben hat davon leider nicht profitiert.“ Ab den Weihnachtsferien verweigert der mittlerweile Elfjährige die Schule komplett, baut gesundheitlich ab, entwickelt große Angst vor dem Erbrechen. „Ihm ging es ganz schlecht.“ Zwingen ihn die Eltern dennoch in die Schule, haut er von dort ab. Vater und Sohn gehen in Klinik Schließlich ziehen Valerie Schormann und ihr Mann die Reißleine und entscheiden sich für einen stationären Aufenthalt ihres Sohnes. Der Vater geht mit in die Einrichtung, „anders wäre es gar nicht gegangen bei Bens Trennungsängsten.“ In der dreimonatigen Therapie wird der Elfjährige auch medikamentös eingestellt, er erhält angstlösende Medikamente. Doch was ist mit den Jobs der Eltern? Hier hat Valerie Schormann nur Gutes zu berichten. „Wir haben beide reduziert. Und wir haben beide unseren Vorgesetzten immer ehrlich und schonungslos erzählt, was los ist und sehr viel Unterstützung und Hilfe bekommen. Wir arbeiten aber beide auch in Jobs, in denen das möglich ist.“ Bens Vater, ein Musiker, erledigt auf Station viel im Homeoffice, wenn er Termine hat, springt die Mutter ein. Doch in der Klinik machen die Schormanns das erste Mal auch schlechte Erfahrungen, fühlen sich nicht ernst genommen und empfinden die Therapie als wirkungslos. „Ben kam ja aus einer ambulanten Therapie, der hatte eine saubere, bescheinigte Diagnose. Die fingen dort an mit ADHS und haben ihn zum Reiten oder zur Musiktherapie geschickt.“ Mehrfach läuft der Junge auch aus der Einrichtung weg. Immer führt ihn sein Weg nach Hause. Geschwister fühlen sich vernachlässigt Auch für sich selbst erleben die Eltern den Umgang mit dem Klinikpersonal negativ. „Erst wurde uns vermittelt, dass wir die Zustände katastrophisieren. Dann, dass wir unser Kind unter Leistungsdruck setzen. Dann, dass wir nicht streng genug sind und ihn nicht genug zwingen. Insgesamt wurden wir als die Schuldigen an der Situation hingestellt. Das hat uns ziemlich mitgenommen.“ Auch zu Hause wird die Situation mit den beiden älteren Kindern, die heute 14 und 17 Jahre alt sind, immer angespannter. Beide sind psychisch gesund, durchlaufen das Gymnasium ohne Leistungsprobleme. „Aber die haben sich natürlich vernachlässigt gefühlt. Alles drehte sich um Ben. Bis heute sind sie oft wütend auf ihren Bruder, wenn der wieder mal ausflippt und wir wegen ihm keine Ausflüge als Familie machen können.“ Valerie Schormann und ihr Mann haben oft Schuldgefühle den beiden gegenüber, versuchen, allen gerecht zu werden. Auch für die Beziehung der Eltern ist die Zeit hart. Denn jahrelang können die Schormanns nicht ausgehen, haben kaum Zeit für sich als Paar. Doch es gibt auch Entwicklungen zum Guten. Mittlerweile hat Ben zwei Integrationshelfer, die ihn in die Schule begleiten – wenn er denn geht, was häufig nicht klappt. „Das sind zwei Studierende, die sehr engagiert sind und die wir alle sehr mögen“, sagt Valerie Schormann. Die zweite gute Nachricht: Seit Kurzem bleibt Ben allein zu Hause. „Da hatten wir als Eltern ein Date – das erste seit sechs Jahren“, sagt Valerie Schormann. Und auch aus dem Haus geht Ben regelmäßig, solange es Treffen mit Freunden auf der Straße sind. Denn Freunde hatte er immer und hat er nach wie vor. „An einem sonnigen Sonntag könnte man denken, dass bei uns alles normal ist“, sagt seine Mutter. „Dann fährt er draußen auf der Straße Rad, wir sitzen im Garten, alle sind entspannt.“ Psychologin begleitet die ganze Familie Doch regelmäßig zur Schule geht Ben noch immer nicht, gerade ist wieder eine besonders schlimme Phase. Wie seine Zukunft sein wird oder kann, weiß niemand. Nach wie vor geht er auch zur Therapie, zusätzlich begleitet eine Psychologin die gesamte Familie. „Auch wieder ein Glücksgriff“, sagt Valerie Schormann. „Sie hält uns aufrecht, hat immer einen aufmunternden Rat, sagt: Das kriegen wir schon hin. Und sie gibt Ben nicht auf.“ Das tun auch seine Eltern nicht. Aber sie versuchen, sich mit der Situation abzufinden. „Wir haben jetzt jahrelang gekämpft, gemacht, getan. Jetzt müssen wir anfangen, unser Leben weiterzuleben“, sagt Valerie Schormann. Sie hofft auf Reifeprozesse bei Ben, auf die Zeit. „Was bleibt, ist dieses Gefühl von Ohnmacht, dass wir ihm nicht wirklich helfen können. Und zugucken müssen, wie er abgehängt wird. Das ist schwer.“ .responsive23-g0HJUUiKfU7mUEod-ttc-linechart-bussgeldverfahren-wegen { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-g0HJUUiKfU7mUEod-ttc-linechart-bussgeldverfahren-wegen { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-g0HJUUiKfU7mUEod-ttc-linechart-bussgeldverfahren-wegen { padding-top: 142.86%; } }