Bielefeld. Hinter den Kulissen Bethels brodelt es. Es gibt einen Konflikt, einen, der nicht für schnelle Antworten taugt, der aber für erhebliche Unruhe sorgt. Es geht um eine Software, über die Leistungen von bald 9000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abgerechnet werden – mit Krankenkassen und anderen Kostenträgern. Die sich daraus ergebenden Einnahmen haben ihren erheblichen Anteil am Lohnvolumen Bethels von etwa 100 Millionen Euro monatlich. Kurz: Es geht um Bethels Aorta, Bethels Lebensader. Nach 20 Jahren steigt Bethel um; von „DOSys“ auf ein Produkt der „CGM“ (CompuGroupMedical). Eine etablierte Firma, die zunehmend jenseits ihrer Produkte diskutiert wird. Warum? Weil ihr Gründer und Hauptanteilseigner, Frank Gotthardt (75), irgendwann nach der Pandemie seine rechtspopulistische Ader entdeckte (oder freilegte). 2022 gründete er das Medienunternehmen Nius und ging mit dem Online-Portal Mitte 2023 an den Start – jährlich soll Gotthardt zweistellige Millionenbeträge in Nius pumpen (Quelle: Die Zeit). Nius wird gerne als rechtspopulistisches Krawallmedium oder auch Wutportal bezeichnet. Gotthardt selbst sagte vor gut einem Jahr im Podcast „Rund ums Eck“, er habe Nius aus dem Anreiz gegründet, der „Übermacht der Medien, die links sind“, etwas entgegenzusetzen; und damit ein „Vakuum in der Medienwelt“ auszufüllen. Ex-Bild-Chefredakteur bedient auf „Nius“ rechtspopulistische Positionen Verantwortlich: Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt, gegen den zuletzt wegen Volksverhetzung ermittelt wurde (Verfahren wurde eingestellt). Hier zwei aktuelle Überschriften, die typisch sind: „Rossmann tritt aus Familienunternehmerverband aus, nimmt 2,5 Milliarden Euro von AfD-Wählern aber gerne“. Und aus der Rubrik „Achtung, Reichelt!“: „Kein Geld für Schüler-Essen wegen Migration.“ So etwas wirft in Bethel Fragen auf, schwappt als wachsende Welle in Richtung Vorstand, Richtung Entscheider. „Das passt nicht zu uns, das ist zu weit weg von unseren Haltungen und ethischen Positionen“, sagt ein Mitarbeiter, der nicht genannt werden möchte. Spürbar wird: Die Software ist keine Petitesse irgendwo am Rande Bethels. Zwei Mitarbeiterinnen schreiben intern in Bethel in einem Leserbrief: „Nius ist an der Schwächung von vulnerablen Gruppen beteiligt – jenen Menschen, die wir schützen wollen.“ Kleiner Einwurf: Gotthardt rettete 2010 den Eishockeyklub der Kölner Haie, ist seither Eigentümer und Millionensponsor. Und: In Köln läuft seit 2024 die Debatte, wessen Geld ich nehme. Zurück zu den Leserbriefschreiberinnen: Sie monieren, dass es einerseits Workshops zum Umgang mit Rechtspopulismus gebe, und andererseits die CGM-Zusammenarbeit. Viele arbeiteten gerade wegen der Menschlichkeit bei Bethel als Europas größtem diakonischen Träger. Als Zeichen von Haltung. Diese fordern sie auch bei wirtschaftlichen Beziehungen, sie fragen: „Finanziert Bethel eine Politik, gegen die wir tagtäglich Haltung zeigen wollen?“ Tausende Mitarbeiter arbeiten bereits mit der neuen Software Positionen wie diese erreichen die Mitarbeitervertretung (MAV) von „Bethel.regional“, jenem Bereich, der maßgeblich die Software einführt. Bisher soll etwa die Hälfte der 9000 Mitarbeiter die mobile digitale Abrechnung nutzen. Die MAV – quasi der Betriebsrat – legte am 18. September Beschwerde ein. Eine Reaktion soll es noch nicht geben. Es gab aber, das berichten Mitarbeiter, ein Leitungstreffen, auf dem sich der Vorstand gerechtfertigt haben soll. Drei Hauptstränge gibt es in der Argumentation, wird berichtet. Zunächst die Zeitachse: Der Vertrag soll Ende 2021 abgeschlossen worden sein. Dann, im April 2023, wurde im Bethel-Magazin „Der Ring“ informiert, mit positiver Einordnung von Geschäftsführerin Sandra Waters und auch positiven Stimmen aus der Gesamt-MAV. Es begann eine Erprobungsphase. Da Frank Gotthardt für die breite Öffentlichkeit erst 2023/2024 erkennbar ins Lager der Rechtspopulisten gewandert war, liegt also die Findungsphase für die Software „CGM Sozial Suite“ etliche Jahre davor, der Vertrag einige Jahre und die Information im „Ring“ mindestens Monate. Drei Argumente sind aus den Führungskreisen Bethels zu hören Zweites Argument: Es ist aus Bethel zu hören, dass CGM sich bisher in keinerlei Form auch nur einen Hauch kritisch verhalten oder positioniert habe. Bethels Pressesprecher Johann Vollmer teilt offiziell auf Anfrage mit: „CGM hat einen Ethik-Kodex – und diesen auch gegenüber Bethel nochmals versichert.“ Es heißt: „Wir bekennen uns zu Vielfalt, Inklusion und Chancengleichheit. Jegliche Form der Diskriminierung lehnen wir ab. Dies beinhaltet jede Art der Ungleichbehandlung, Ablehnung oder Bevorzugung aufgrund von Geschlecht, Alter, Behinderung, sexueller Orientierung, Religionszugehörigkeit, politischer Meinung, nationaler oder ethnischer Herkunft.“ Vollmer betont, man beobachte die Entwicklungen trotzdem aufmerksam und nehme die politischen Ansichten Gotthardts „sehr ernst“. Aber: Die Zusammenarbeit mit CGM sei keine Unterstützung politischer Ansichten, sondern eine professionelle. CGM habe 9.000 Mitarbeiter in 19 Ländern. Da es keinen Anlass zum Zweifeln an der Integrität von CGM als Unternehmen gebe, gelte für Bethel: Die Entscheidung beruhe ausschließlich „auf fachlichen Kriterien: Zuverlässigkeit, Datenschutz, Nutzerfreundlichkeit und die Möglichkeit, unsere sozial-diakonische Arbeit effizient zu gestalten.“ Drittes Argument: Es soll nicht gerade einfach sein, sich von der Software zu verabschieden, da es auf dem Markt offenbar nicht viele Akteure gibt, die hochkomplexe, mobile und von Einrichtung zu Einrichtung auch individualisierte Abrechnungsmöglichkeiten anbieten. Zudem sei die jahrelange Vorarbeit und passgenaue Installation der Software für Bethel auch finanziell ein echter Kraftakt gewesen – weit über die reinen Kosten der Lizenzen hinaus. Es geht vor allem um Menschen mit Behinderung und die Altenhilfe Hintergrund: Bis hin zur Dienstplanarbeit (HRM) reichen die Fähigkeiten der Software, alles auf mobilen Endgeräten. Kernstück ist „P&D“ also Planung und Dokumentation. Hier wird mit den Kostenträgern abgerechnet: Leistungen für Menschen mit Behinderung sowie aus der Altenhilfe. Den Argumenten der Leitungsebene gegenüber stehen wachsende moralische und ethische Bedenken. „Die Unruhe hat sich in den letzten Monaten verstärkt und ausgebreitet“, ist in einer MAV-Info aus dem Oktober zu lesen. Die Frage wird aufgeworfen, ob und in welcher Form „Konsequenzen gezogen werden“. Eine schwierige Frage, wurden doch 9000 Lizenzen für Mitarbeiter und 8000 für Klienten erworben; wohl kaum mit kurzen Laufzeiten. Spürbar ist: Es prallen moralische Ansprüche und wirtschaftliche Fakten aufeinander, wobei jede Seite in beiden Feldern unterwegs ist, nur mit anderen Schwerpunkten. Die Fallhöhe? Hoch.