Kreis Lippe. Die einen lieben, die anderen hassen sie: Für immer mehr Menschen ein wendiges, leises und praktisches Verkehrsmittel im Alltag, sind E-Scooter für viele ein echtes Ärgernis ... oder besser gesagt: deren Fahrer. Denn die genießen nicht den allerbesten Ruf. Besonders Fußgänger fühlen sich durch rücksichtslos fahrende Scooter gestört, manche sogar bedroht. Doch wie berechtigt ist dieses Gefühl? Entspricht es der Realität auf Lippes Straßen? Julia Breitenstein führt seit Oktober 2024 die lippische Verkehrspolizei und erklärt im Gespräch mit der LZ die Herausforderungen, die E-Scooter aus polizeilicher Sicht mit sich bringen, was die Unfallstatistiken wirklich sagen – und wie das Miteinander im Straßenverkehr besser gelingen kann. Frau Breitenstein, sind Sie selbst schon mal E-Scooter gefahren? Julia Breitenstein: Selbstverständlich. Und können Sie die Faszination nachempfinden? Julia Breitenstein: Tatsächlich ja. Wenn man Distanzen von vielleicht zwei, drei Kilometern überbrücken muss und an dem Tag schon einiges zu Fuß erledigt hat, ist der Scooter eigentlich ein super Fortbewegungsmittel. Ich war viele Jahre in Münster unterwegs, wo es mehrere Verleiher gibt. Da steht an jeder Straßenecke einer. Sie sprechen es an: In deutschen Großstädten sind die E-Scooter zum Ärgernis geworden, weil sie überall herumstehen- und liegen. Julia Breitenstein: Das Problem haben wir in Lippe zum Glück so nicht. Es gibt ja auch lediglich einen Verleiher. Nichtsdestotrotz wird es immer voller auf den Rad-und Fußwegen. Das ist vielleicht nicht mit einer Großstadt zu vergleichen, doch auch bei uns kann es eng werden. Wir alle müssen uns die Fahrbahn teilen, egal ob als Autofahrer, als Rad- oder Pedelec-Fahrer oder mit dem Elektroroller. Ich kann da nicht immer auf meinem Recht bestehen, sondern muss immer mal nach links und rechts gucken. Da ist gegenseitige Rücksichtnahme das A und O. E-Scooter boomen. Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft waren 2023 rund 780.000 Fahrzeuge registriert - 200.000 mehr als im Vorjahr, Tendenz steigend. Seit wann spüren Sie bei der Polizei dieses rasanten Zuwachs? Julia Breitenstein: Wir schauen regelmäßig auf unsere Unfallzahlen - auch weil wir negativen Trends frühzeitig entgegenwirken wollen. So haben wir festgestellt, dass die Zahl der Verunglückten mit E-Scooter-Beteiligung von 26 im Jahr 2023 auf 46 in 2024 gestiegen ist. Zwar liegen wir im Landesvergleich noch relativ gut, aber für uns ist jeder Verletzte einer zu viel. Was ist Ihr Plan? Julia Breitenstein: Wir nehmen das Thema besonders in den Fokus – wir führen Kontrollen durch und weisen zusätzlich auch in der Öffentlichkeitsarbeit viel auf E-Scooter und die geltenden Regeln hin, zum Beispiel auf Social Media, wo wir häufig Polizeimeldungen zum Thema posten. Zusätzlich ist unser Team der Verkehrsunfallprävention an Schulen unterwegs und hält Vorträge. Dort klären wir frühzeitig auf: Der E-Scooter ist kein Spielzeug, sondern ein Fahrzeug, für das Regeln gelten. Und er ist durch die kleinen Räder und die Bauweise deutlich instabiler und wackliger als etwa ein Fahrrad. Ich muss bedeutend vorsichtiger fahren, damit ich mich nicht verletze. Nun wirken die meisten E-Scooter-Nutzer nicht gerade vorsichtig. Julia Breitenstein: Das liegt natürlich auch an den Nutzenden. Verletzte Senioren über 65 Jahren hatten wir im letzten Jahr zwei, im Verhältnis dazu 14 Unfälle in der Altersgruppe 15 bis 17 Jahre und acht bei den 18- bis 24-Jährigen. In der Altersgruppe 25 bis 64 Jahre sind dann noch einmal 13 Personen an einem Unfall beteiligt gewesen. Insofern: Ja, es ist eher ein Fortbewegungsmittel für jüngere Menschen. Müssen sich Fußgänger also daran gewöhnen, dass E-Roller an ihnen vorbeizischen? Julia Breitenstein: Definitiv werden die Scooter nicht wieder verschwinden. Vor fünf Jahren hatten wir ähnliche Diskussionen über Pedelecs. Und genau wie die werden auch die E-Roller sich etablieren. An den Schulen kommen inzwischen immer mehr Kinder und Jugendliche mit Pedelecs zum Unterricht - und mit dem E-Scooter. Julia Breitenstein: Der Scooter füllt eine Lücke, gerade im ländlichen Raum mit vollen und auch wenigen Bussen, die wegen vieler Baustellen ewig brauchen. Damit überbrückt man diese Strecken von fünf Kilometern, die „bewegungsfreudigere“ Generationen noch mit dem Fahrrad zurückgelegt haben. Die Jugendlichen wollen zur Schule, sich mit Freunden treffen, zum Sport - und brauchen dafür niemand anderen. Ab 250 Euro deutlich günstiger als ein Roller, bin ich damit unabhängig von den Eltern und schneller als zu Fuß. Problematisch ist, dass die wenigsten Jugendlichen auf den Umgang mit dem Fahrzeug vorbereitet werden. So ein Scooter fährt 20 Kilometer pro Stunde - das ist nicht mit einem Tretroller zu vergleichen, der vielleicht 5 bis 6 km/h fährt. Da fehlt das Gefahrenbewusstsein. Der Leichtsinn liegt also auch bei den Eltern? Julia Breitenstein: Ich würde mir wünschen, dass die den Schulweg oder den Weg zum Sportverein mit ihren Kindern einmal abfahren, sie selbst vielleicht auf dem Fahrrad nebenher. Sich die Kreuzungen anschauen, wo abgebogen werden muss, und so Dinge erklären wie den Schulterblick oder den toten Winkel. Es muss uns klar sein, dass ein 15-Jähriger den Straßenverkehr ganz anders wahrnimmt als eine 38-Jährige wie ich, die viel Erfahrung mitbringt. Aktuell wirkt der Umgang doch oft sehr „spielerisch“: Da wird zu zweit gefahren, da wird rasant im Slalom überholt - natürlich mit Kopfhörern auf den Ohren. Julia Breitenstein: Wenn ein Manöver „riskant“ ist, können wir mit Bußgeldern reagieren. Slalomfahren etwa kann neuerdings 35 Euro kosten. Aber auch wenn wir feststellen, dass ein E-Scooter-Fahrer vielleicht nicht tatbestandsmäßig unterwegs ist, aber trotzdem auffällig, dann führen die Kolleginnen und Kollegen auf der Straße natürlich verkehrsdidaktische Gespräche. Wir fahren da nicht dran vorbei und lassen die schalten und walten. Sondern gucken sehr genau hin und erheben da, wo es zulässig ist, auch ein Verwarngeld. Was ist mit den unter 14-Jährigen? Die E-Scooter dürfen ja erst ab 14 genutzt werden. Julia Breitenstein: Im letzten Jahr hatten wir in Lippe eine, in diesem Jahr noch keine Unfallbeteiligung. Was natürlich nicht heißt, das wir keine Jüngeren auf E-Scootern erwischen. Wir führen dann immer ein Gespräch mit den Erziehungsberechtigten. Wie oft kontrollieren Sie? Julia Breitenstein: Rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr. Wenn Sie Schwerpunktkontrollen meinen: Da konzentrieren wir uns auf die den unfallträchtigen städtischen Bereich und Schulwege. Dazu kommen die Abende und Nächte an den Wochenenden, da wir wissen, dass viele nach wie vor denken, der E-Scooter sei betrunken eine gute Wahl. Dabei gelten die gleichen Promillegrenzen wie beim Autofahren, und wer erwischt wird, muss den Führerschein abgeben. Herrscht hier nach wie vor Unwissenheit? Julia Breitenstein: Ich glaube, dass die Leute die Regeln mittlerweile kennen. Ich denke eher, dass viele die Gefahr im Auto für sich als höher bewerten, als wenn sie mit dem E-Scooter fahren. Die Hemmschwelle, betrunken in ein Auto zu steigen, ist vielleicht doch größer. Viele unterschätzen einfach die Gefahr. Ein E-Scooter-Fahrer ist wirklich total ungeschützt. Man hat keine Knautschzone und die strafrechtlichen Konsequenzen sind genau wie beim Auto. Und in den wenigsten Fällen tragen die Nutzer einen Helm. Julia Breitenstein: Das Risiko schwerwiegender Verletzungen ist hoch. Wir als Polizei sprechen uns klar dafür aus, einen Helm zu tragen - auch wenn der „Coolnessfaktor“ vermeintlich darunter leidet. Wir sehen hier die Beispiele junger Leute, die schwer gestürzt sind. Es dauert oft ewig, zurück ins Leben zu finden. Das ist das, was wir gerne verhindern möchten, und gilt natürlich auch für Rad- und Pedelec-Fahrende. Das Image der Scooter-Fahrer ist eher schlecht. Was erwarten Sie von den Nutzern? Julia Breitenstein: Es wäre natürlich wünschenswert, dass ein E-Scooter-Fahrer, bevor er am Fußgänger vorbeifährt, ein bisschen vom Gas geht. Aber genauso erwarte ich das vom Pedelec-Fahrer. Ich erwarte aber auch vom Fußgänger, dass er nicht meint, in der Mitte gehen zu müssen. Und von dort vielleicht aus Protest, weil ihn das gerade nervt, noch einen Schritt nach links zu gehen, um den Weg absichtlich zu versperren. Sie möchten nicht einstimmen in das „E-Scooter-Fahrer-Bashing“. Julia Breitenstein: Mir fehlt generell die gegenseitige Rücksichtnahme, und das würde ich gar nicht an einem Fortbewegungsmittel festmachen. Unsere Straßen werden sich nicht ändern. Wir können nicht alle Häuser drei Meter weiter nach hinten verschieben, um breitere Geh- und Radwege zu ermöglichen. Das wird nicht funktionieren. Was zum Beispiel helfen würde: Eher losfahren, um auf der Straße nicht so gestresst zu sein. Die Unfallstatistik gibt den Fingerzeig auf die Scooter ohnehin nicht her, richtig? Oder sind Fußgänger durch E-Scooter-Fahrer besonders gefährdet? Julia Breitenstein: Ganz klar: Nein. Woher kommt dann die Abneigung vieler Menschen? Julia Breitenstein: Das ist wohl ein menschliches Phänomen: Wenn ich selbst noch nie mit dem E-Scooter unterwegs war, dann beäuge ich das Fremde eher noch kritischer, als wenn jetzt vielleicht der Fahrradfahrer genauso an mir vorbeigefahren wäre. Ich denke also, die Situation wird sich normalisieren. Es ist ja auch schön, dass wir die Möglichkeit haben, uns anders fortzubewegen als nur klassisch im Auto. Diese Verkehrswende ist ja gewünscht. Mehr Menschen werden dahin kommen, auch das Gute im E-Scooter zu sehen. Wir müssen nur alle besser aufeinander achtgeben. Sie wünschen sich eine positive Einstellung - allerdings ohne die Gefahren zu ignorieren? Julia Breitenstein: Ja, denn die gibt es zweifellos, und landesweit sind die Unfallzahlen eklatant gestiegen. Um dafür zu sensibilisieren, schreiben wir zu nahezu jedem Vorfall mit E-Scootern eine Pressemitteilung. Wie letztens, als jemand mit 80 km/h auf einem Roller aus dem Internet unterwegs war. Das ist dann übrigens Fahren ohne Fahrerlaubnis und kann zum Beispiel dazu führen, dass man eine längere Probezeit hat beim Führerschein. Wir wollen auf die Gefahren aufmerksam machen. Im Gegensatz zu vielen anderen Kreisen ist bei uns noch niemand durch einen E-Scooter-Unfall verstorben. (klopft auf Holz) Und das soll auch so bleiben. Zahlen & Fakten Das Statistische Bundesamt verzeichnete einen Anstieg der E-Scooter-Unfälle mit Verletzten von 8.443 im Jahr 2022 auf 9.439 im Jahr 2023. In diesem Zeitraum starben 22 Benutzer von Elektrorollern in Deutschland bei Verkehrsunfällen. Trotzdem bleibt der Anteil dieser Unfälle am gesamten Unfallgeschehen gering, und das Verhältnis von E-Scootern zu Unfällen ist laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft rückläufig. Oft sind es Leihfahrzeuge, die von jüngeren und ungeübten Gelegenheitsfahrern genutzt werden die zu Unfällen führen. 2023 waren 21 Prozent aller E-Scooter Leihfahrzeuge, aber sie waren für 39 Prozent der bei den Haftpflichtversicherungen registrierten Schadensfälle verantwortlich. Auch die Polizei setzt in Deutschland bereits auf E-Scooter: So nutzt die Polizei auf Norderney seit 2022 E-Scooter im Streifendienst. Die Vorteile: Scooter sind schnell, leise und umweltfreundlich und sollen die Bürgernähe fördern, da die Beamten leichter mit Insulanern und Touristen ins Gespräch kommen können. Alle aktuellen E-Scooter-Verkehrsregeln sind auf einer Webseite der Polizei Lippe übersichtlich zusammengefasst.