Wo einst Zehntausende durch den Märchenwald Berlebeck wandelten

Torben Gocke

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Einst stapften hier Zehntausende Besucher die Stufen hoch. Heute erinnern lediglich mit Moos überzogene Stufen an den Märchenwald Berlebeck. - © Torben Gocke
Einst stapften hier Zehntausende Besucher die Stufen hoch. Heute erinnern lediglich mit Moos überzogene Stufen an den Märchenwald Berlebeck. (© Torben Gocke)

Detmold. "Im Märchengrund" ist auf dem Straßenschild zu lesen. Von der Kreuzung zum Hoffeld sind es vielleicht gerade einmal hundert Meter bis zur Waldgrenze. Der blaue Himmel weicht schnell einem dichten Netz aus Baumkronen. Zur Linken liegt, bereits von Grün umgeben, das Forsthaus. Gut 20 Meter weiter taucht zur Rechten ein kleiner Parkplatz auf. Der Boden ist hier überzogen von Laub. Ein großer Haufen gehäckseltes Holz liegt mitten auf dem Platz. Autos, so scheint es, parken selten hier.

In den 1970er Jahren sah das noch ganz anders aus, weiß die Detmolder Unternehmerin Margret Pilling. Gemeinsam mit ihrem Mann Klaus-Jürgen war sie die Betreiberin des "Märchenwaldes" mit Zehntausenden Besuchern pro Jahr. Auf dem Parkplatz reihte sich zu Spitzenzeiten ein Auto an das nächste. "Besonders in den Ferien oder an heißen Sommertagen hatten wir das Gelände eigentlich immer voll. Wir waren im besten Sinne ein Saisonbetrieb", erinnert sich Pilling.

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Ein Betonbrocken vom Brunnen des Froschkönigs?

Die Treppe, die auf das einstige Märchengelände führt, liegt heute fingerdick unter Laub und Moos verborgen. Die einzelnen Stufen sind noch gut zu erkennen - ein sicherer Stand ist jedoch nicht auf jeder Stufe möglich. Nach einer kleinen Kurve führt die Treppe geradewegs nach oben. Gut 50 Meter sind es. Rechts des Weges ist eine alte Colaflasche zu sehen. Wenige Meter dahinter liegt ein etwa faustgroßer grüner Brocken Beton.

"Zwölf Märchen hatten wir auf dem Gelände abgebildet", sagt Margret Pilling. Dazu waren hunderte Figuren entlang der Treppen verteilt, "mit viel Liebe zum Detail in Szene gesetzt." Der Betonbrocken könnte vom Brunnen des Froschkönigs stammen, schätzt Margret Pilling. Umgebaut und erneuert wurde im Grunde fortlaufend, erinnert sich die einstige Betreiberin. "Es gab immer etwas zu tun. Langweilig wurde uns nie." Jede Märchenfigur war ein Unikat, entstanden in der kleinen Werkstatt, mitten auf dem Gelände gelegen. Ein altes Foto zeigt den Arbeitsraum. Eine Figur des Arminius steht in der Mitte, umgeben von zahllosen Werkzeugen.

Fotostrecke: Der Märchenwald in Berlebeck


"Das waren fantastische Jahr"

Von dem Gebäude ist heute nichts mehr übrig. Zwar ist der Bereich von der Haupttreppe zu sehen, die Fläche ist allerdings leer. Eine größere Steinstruktur ist noch zu erkennen, aus dem Boden guckt noch ein altes Kabel. Die Treppe verästelt sich hier. Zur Seite führt ein Weg, die Stufen gehen nach einer kleinen Kurve weiter. Bis zum höchsten Punkt des Märchenwaldes sind es noch etwas mehr als hundert Meter. Der Weg hinauf ist zunehmend dicht von Bäumen und Gewächsen umschlossen. Vom Ende der Stufen lässt sich der gesamte Bereich überblicken. Rechts und links sind größere freie Flächen.

Der Detmolder Unternehmer Guido Pilling verbrachte seine

Kindheit größtenteils im Berlebecker Märchenwald. Erinnerungen wir die

Hermannsfigur sind ihm wenige geblieben. 
- © Torben Gocke
Der Detmolder Unternehmer Guido Pilling verbrachte seine Kindheit größtenteils im Berlebecker Märchenwald. Erinnerungen wir die Hermannsfigur sind ihm wenige geblieben. (© Torben Gocke)

"Dort müssen seinerzeit der Stall und der Gastronomiebereich gewesen sein", schätzt Guido Pilling, einer der beiden Söhne des Betreiberehepaares. Beim Blick auf die Karte kommen dem Detmolder Antiquitätenhändler etliche Erinnerungen an die eigene Kindheit. "Das waren natürlich fantastische Jahre. Welches Kind würde sich nicht freuen, in einem Märchenwald aufzuwachsen", sagt er. Auf dem alten Plan entdeckt er unter anderem den Stall und die Wasserorgel. "Das war damals eine echte Attraktion bei den erwachsenen Gästen", erinnert er sich. Bei den Kindern dürfte die Rutschbahn aus Aluminium höher im Kurs gestanden haben. "Da konnte man im Grunde einmal von oben nach unten durch die ganze Anlage rutschen."



In seinen Unterlagen entdeckt Guido Pilling weitere Details, über das einstige Leben im Detmolder Märchenwald: "Da ist etwa zu lesen, dass es einmal 1400 Meter Handläufe gab. Genug für 360 laufende Meter Treppen." Auf Fotos sind ferngesteuerte Boote zu sehen, es gibt alte Werbeanzeigen für Tanzabende im Märchenwald und Bilder von den Tieren. "Ich erinnere mich an zwölf Ponys und ein Streichelgehege." Die Eintrittskarten gab es am Ende für drei Mark - "gestartet sind wir einmal mit 50 Pfennig weniger", sagt Margret Pilling. Auf einem alten Pachtvertrag ist eine jährliche Besucherzahl von 30.000 angegeben.

Verkauf 1978 an einen Holländer

Hunderte Figuren, kleine und größere Atraktionen und Tiere - es wurde immmer voller im Detmolder Märchenwald. Einer der Gründe, warum sie und ihr Mann ihn nicht weiter betreiben wollten. "Wir hätten den Betrieb auf längere Sicht gar nicht aufrecht halten können. Dazu war eine Erweiterung nötig aber es gab gar nicht mehr genug Platz." Es sei eine spannende und herausfordernde Zeit gewesen, die sie nicht missen möchte.

Im Jahr 1978 haben Pillings den kleinen Freizeitpark an einen Holländer verkauft. "Endgültig war dann 1983 Schluss mit dem Märchenwald", sagt Margret Pilling. Er wurde geschlossen. Die Figuren und Attraktionen wurden ebenso abgebaut, wie die Gebäude des Stalls und der Werkstatt. So sind heute nur noch die moosüberzogenen Treppen geblieben.

Auch vom einst prachtvollen Miniaturpark bei Brüntrup sind nur noch Ruinen übrig. Ihn  ereilte Anfang der 80er Jahre ein ähnliches Schicksal.

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