Plädoyers im Lügde-Prozess: Andreas V. als Meister der Manipulation

Janet Köng

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Mario S. (links) wird zu 12 Jahren Haft verurteilt, für Andreas V. gibt es 13 Jahre. Beide sollen anschließend in Sicherungsverwahrung. - © Jannik Stodiek
Mario S. (links) wird zu 12 Jahren Haft verurteilt, für Andreas V. gibt es 13 Jahre. Beide sollen anschließend in Sicherungsverwahrung. (© Jannik Stodiek)

Detmold. Der Lügde-Prozess biegt auf die Zielgerade ein. Obwohl Andreas V. im Rollstuhl in den Saal geschoben wird, ist sein Zustand am Freitag deutlich stabiler als am Tag zuvor. Die Jugendschutzkammer kann die Beweisaufnahme schließen. Staatsanwaltwaltschaft und acht Nebenklagevertreter halten hinter verschlossenen Türen ihre Plädoyers.

Die Staatsanwaltschaft fordert 14 Jahre Haft für Andreas V. und zwölfeinhalb Jahre Haft für Mario S. – beide sollen auch nach Verbüßung ihrer Gefängnisstrafe nicht auf freien Fuß kommen: Die beiden Staatsanwältinnen beantragen Sicherungsverwahrung. Sie stützen sich dabei auf die Gutachten von Marianne Miller, die Mario S. bereits am Donnerstag und und Andreas V. am Freitag als schwer therapierbar einschätzt.

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Manipulativ und narzisstisch

Aufmerksam blickt der 56-jährige Dauercamper zur Sachverständigen, während diese in den Untiefen seiner Persönlichkeit gräbt. Gelegentlich geht sein Blick nach unten, Emotionen zeigt er nicht. Hinter der undurchsichtigen Fassade des 56-Jährigen stecke eine manipulative und narzisstische Persönlichkeit, sagt die Gutachterin.

Andreas V. habe durchgängig Menschen für seine Zwecke benutzt und die Schuld für eigenes Scheitern auf andere geschoben. Das ziehe sich durch sein ganzes Leben. „Er hat es nicht geschafft, gleichberechtigte Beziehungen zu erwachsenen Frauen zu führen", sagt Miller. Zwar habe Andreas V. als junger Mann zwei Partnerschaften gehabt, die hätten bei ihm jedoch nur Enttäuschungen hinterlassen. Die Kinder habe er sich als Ersatz gesucht. Bei Andreas V. sei eine klare pädophile Neigung erkennbar, die sich vor allem an Mädchen im Grundschulalter bis kurz vor der Pubertät richte. Ob Andreas V. den jahrzehntelangen Missbrauch ausschließlich aus sexuellem Interesse begangen hat, lässt Miller offen. Auch Motive wie Machtausübung könnten dahinter stecken.

Eine Gefahr für Kinder

Auf Grund seines Alters und der narzisstischen Persönlichkeitsstruktur seien die Chancen auf einen Therapieerfolg gering. „Selbst wenn Andreas V. mit 70 Jahren aus dem Gefängnis kommt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er für Kinder weiter gefährlich ist", sagt Miller. Dafür spreche ebenfalls, mit welcher Hingabe er seinen Lebensstil komplett auf den Umgang mit Kindern ausgerichtet und sein Pflegekind als Lockmittel eingesetzt habe. „Er hat seine Taten unaufhaltsam fortgesetzt", hält die Gutachterin fest. Eine krankhafte psychische Störung könne sie jedoch nicht feststellen, daher sei Andreas V. voll schuldfähig.

Damit bestätigt sie das Bild der Staatsanwaltschaft. Deren Forderung ist für beide Verteidiger nachvollziehbar. „Bei diesen vielen Taten in einer derart langen Zeit war damit zu rechnen", kommentiert Johannes Salmen, der Andreas V. verteidigt. Jürgen Bogner hofft, das geforderte Strafmaß von zwölfeinhalb Jahren für seinen Mandanten Mario S. noch etwas drücken zu können. „Er war von Beginn an geständig und hat sich entschuldigt – auch wenn es dafür zu spät ist." Dieses Verhalten müsse sich im Urteil wiederfinden. „Ich halte zehn Jahre für realistisch", sagt Bogner.

Auch die acht Vertreter der Nebenklage, die am Freitag plädieren, sind überwiegend mit den Forderungen der Staatsanwältinnen zufrieden. Nur wenige hätten höhere Strafen gefordert, sagt ein Gerichtssprecher im Anschluss. Cornelius Pietsch, der das frühere Pflegekind von Andreas V. vertritt, möchte die Täter gleich bestraft sehen: „Beide haben Unfassbares getan."

Information
Alle Artikel im um den Prozess im Missbrauchsskandal aus Elbrinxen gibt es hier.

Am 30. August sollen die übrigen Plädoyers gehalten werden, die Angeklagten haben dann das letzte Wort. Am 5. September wird das Urteil erwartet. 

Doku zum Fall Lügde

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