Auftakt im Fall Lügde: "Weichen für einen kurzen Prozess sind gestellt"

Erol Kamisli und Janet König

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Anklagebank (von links): Anwalt Jürgen Bogner, sein Mandant Mario S., Andreas V. und sein Anwalt Johannes Salmen. - © Bernhard Preuss
Anklagebank (von links): Anwalt Jürgen Bogner, sein Mandant Mario S., Andreas V. und sein Anwalt Johannes Salmen. (© Bernhard Preuss)

Detmold. Sie haben sich seit sieben Monaten nicht gesehen. Bei ihrer ersten Begegnung im Saal 165 des Detmolder Landgerichts schenken sich Andreas V., 56, und Mario S., 34, keinen Blick. Sie waren befreundet. Beide arbeitslos. Sie missbrauchten auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen 462 Mal Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren.

Zur Überraschung und Erleichterung vieler Prozessbeobachter legen beide Hauptangeklagten Geständnisse ab und räumen die ihnen vorgeworfenen Taten weitestgehend ein. „Mein Mandant gibt alle Fälle zu, wie angeklagt. Er wird aber keine Angaben zu Personen machen, keine Fragen beantworten und sich psychologisch begutachten lassen", sagt Rechtsanwalt Johannes Salmen, der den 56-Jährigen Andreas V. verteidigt.

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Auch Rechtsanwalt Jürgen Bogner verliest für seinen Mandanten Mario S. ein umfassendes Geständnis. Der 34-jährige Steinheimer ist der einzige Angeklagte, der beim Eintritt in den Saal sein Gesicht zeigt, Andreas V. und Heiko V. verstecken ihre Gesichter hinter Aktenordnern. Mario S. blieb auch der einzige, der sich vor den Augen der Öffentlichkeit zu seinen Taten äußerte. „Ich schäme mich. Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich das tun. Aber ich kann’s nicht", sagt der 34-Jährige vor Gericht. Mario S. wisse nicht, wie er sich zu diesen furchtbaren Taten habe hinreißen können, das sei ihm erst in der U-Haft deutlich geworden. Er wolle auch eine Therapie machen.

Kurz zuvor: Die Staatsanwältinnen Jacqueline Kleine-Flaßbeck und Helena Werpup tragen mehr als eine Stunde abwechselnd vor, dass die beiden wegen schweren sexuellen Missbrauch von Kinder in 462 Fällen angeklagt sind. Zudem wurden bei beiden tausende Bild- und Videodateien gefunden, die sexuelle Übergriffe auf Minderjährige zeigen sollen. Kopfschüttelnd verlässt der 32-jährige Kevin Maiwald (Name von der Redaktion geändert) während der Anklageverlesung den Gerichtssaal. „Ich muss erst einmal kurz durchatmen", sagt der Familienvater, dessen Tochter auch zu den Opfern von Andreas V. gehört. Er setzt sich auf die Bank vor dem Gerichtssaal und vergräbt sein Gesicht in beide Hände.

Gemeinsam mit seiner Ex-Lebensgefährtin ist Maywald nach Detmold gekommen, um dem Mann, der das Leben seiner „kleinen Prinzessin" gestört hat, noch einmal in die Augen zu blicken. „Ich dachte ich halte die Details aus, doch ich schaffe es einfach nicht", sagt der 32-Jährige. Die Opfer seien in jeder denkbaren Form vergewaltigt, zu abartigen Sexspielen (auch untereinander) gezwungen und mit Drohungen zum Schweigen gebracht worden, fügt er hinzu und blickt zur Decke.

Wie groß kann Grausamkeit sein? Wie klein Mitgefühl? Gab es Vorboten für eine derartigen Katastrophe? Wer hat welchen Tatbeitrag geleistet? Antworten auf diese Fragen muss nun die Jugendschutzkammer unter Vorsitz von Richterin Anke Grudda geben. Gleich zu Beginn des Prozess stellt sie klar, wer Herrin des Verfahrens ist. Die angeklagten Taten seien „zweifelsohne abscheulich", sagt Grudda. Das stehe außer Frage. „Die Anschuldigungen lassen niemanden unberührt", so die Richterin weiter. Erschreckend sei die hohe Zahl mutmaßlicher Opfer sowie der lange Zeitraum der Vorwürfe von mehr als 20 Jahren. Es gelte aber die Unschuldsvermutung, das Gericht werde unvoreingenommen und unparteiisch arbeiten.

Ein dritter Mann, Heiko V. (49) aus Stade in Niedersachsen, ist angeklagt, weil er an einigen Webcam-Übertragungen teilgenommen haben soll. In seiner Wohnung wurden Zehntausende Kinderpornos gefunden. Er beteuert, dass er nur zugesehen, aber nie selbst Kinder angefasst habe. Sein Verteidiger Jann Popkes verliest ein schriftliches Geständnis. Darin soll Heiko V. alle Vorwürfe ausnahmslos eingeräumt haben, sagt Popkes hinterher. Die Öffentlichkeit bleibt ausgeschlossen, um die Intimsphäre von Heiko V. und auch die Privatsphäre der Opfer zu schützen. Noch am Freitagnachmittag soll eine Absprache zwischen Sachverständigen, Nebenklage und Gericht stattfinden. „Ich gehe davon aus, dass am dritten Verhandlungstag ein Urteil gegen meinen Mandaten gesprochen wird", sagt Popkes. Damit sei die angedachte Abtrennung des Verfahrens möglicherweise vom Tisch.

"Es gibt keine Entschuldigung"

Neben ihm als Verteidiger haben an diesem Tag 18 Anwälte Platz genommen, die rund 30 Nebenkläger vertreten, 53 Zeugen sind zugelassen. Der Prozess ist bislang auf zehn Verhandlungstage bis Ende August angesetzt. „Nach diesen Geständnissen bleibt vielen Opfern eine Aussage erspart", sagt Rechtsanwalt Salmen. Andreas V. habe sich überzeugen lassen. Auf die Frage, warum er sich sich nicht entschuldigt habe, antwortet Salmen: „Solche Taten sind nicht zu entschuldigen." Zustimmung von Kevin Maiwald: „Es ist gut, dass die Kinder nicht aussagen müssen, aber eine Entschuldigung will ich nicht von diesem Monster, der viele Leben zerstört hat", sagt der 32-Jährige und greift nach der Hand seiner Ex-Freundin.

Dennoch soll es schon am Freitag mit der Anhörung kindlicher Zeugen weitergehen, sagt die Vorsitzende Richterin Anke Grudda zum Schluss. Die Kammer wolle sich ein Bild von der Verfassung der Kinder machen, erklärt Verteidiger Jürgen Bogner. Einwände von den Opferanwälten gibt es nicht. „Ein Missbrauchsprozess, in dem es um so viele Kinder geht, aber keines zu Wort kommt, wäre auch komisch ", sagt Rechtsanwalt Roman von Alvensleben. Das Wichtigste sei, dass die Kinder keine detaillierten Aussagen über das „unvorstellbare Grauen " machen müssten, das ihnen widerfahren ist. Die Teilnahme sei freiwillig, kein Kind müsse zum Termin erscheinen.
„Heute sind die Weichen für einen kurzen Prozess gelegt worden", betont Opferanwalt Christian Thüner. Am Ende des Tages sei „fast so etwas wie Erleichterung auf dem Fluren des Landgerichts zu spüren gewesen". Doch bis zum Urteil bleibe es noch ein langer Weg.

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