Lemgo. Wer mit dem Rollstuhl unterwegs ist, hat es schwer. Nicht nur, dass es oft kaum möglich ist, in die Stadt oder zu Veranstaltungen zu kommen, auch die Zeit vor Ort wird oft zur Geduldsprobe. Denn Behindertentoiletten sind Mangelware und das Durchkommen mitunter schwierig. Stephanie Wackernagel kümmert sich als Betreuerin um alte oder auch gehbehinderte Menschen und was sie auf ihren Ausflügen erleben muss, treibt ihr mitunter die Zornesröte ins Gesicht. Es beginnt schon mit den Busfahrten, erzählt die examinierte Krankenschwester. Jede Fahrt sei eine Herausforderung. Oft schon habe sie sich über die manchmal rüden Umgangsformen der Busfahrer geärgert. Deren Hilfe sei nötig, um die Rampe am Bus für Rollstuhl oder Rollator auszufahren. Doch Winken reiche oft nicht. „Ich muss eigentlich immer meine Begleitperson allein lassen und vorne zum Busfahrer laufen und ihn bitten, uns zu helfen.“ Gefährliche Situationen im Bus Im Bus selbst sei dann immer wieder kräftezehrendes Rangieren nötig, es fehle an Platz und bei der teils schnellen Fahrt der Busfahrer - die ihren Fahrplan einhalten müssen - käme es für die Rollstuhlfahrer und ihre Begleitperson immer wieder zu gefährlichen Situationen. „Was ich mir wünschen würde, wäre, dass die Busfahrer einmal eine Schulung durchlaufen, in der sie selbst im Rollstuhl sitzen und erfahren, wie schwierig es ist, in den Bus und wieder herauszukommen, und wie gefährlich manche Fahrsituation für die Betroffenen ist“, erklärt die 57-Jährige. Für die Lemgoerin ist der Kontakt zu älteren oder gehbehinderten Menschen ein Herzensprojekt, wie sie sagt, zumal sie nach einer missglückten Operation vor Jahren selbst auf den Rollstuhl angewiesen war. Daher suchte sie auch das Gespräch mit der Stadt und machte auf die Missstände aufmerksam. Denn mit der Busfahrt allein sei es nicht getan. In der Altstadt von Lemgo stelle das teils holprige Pflaster vor allem ältere Menschen vor Herausforderungen, andernorts hinterlasse der Glasfaserausbau zum Teil huckelige Pisten. Doch damit nicht genug, bleibe der Zugang zu Restaurants, Cafés oder auch Geschäften vielen Rollstuhlfahrer verwehrt. „Etliche Restaurants sind nach wie vor nicht barrierefrei zugänglich, Rollstuhlfahrer können dann nur draußen sitzen“, weist sie auf ein weitverbreitetes Problem hin, das noch akuter werde, wenn es um den Toilettengang gehe. Keine öffentlichen Toiletten im Rathaus Denn Behindertentoiletten sind in Lemgo rar gesät. Im Bürgerbüro und im alten Rathaus gibt es zwar barrierefreie Toiletten, und das Rathaus ist immerhin seit wenigen Wochen auch mit einem Lift ausgestattet, so dass auch gehbehinderte Menschen endlich selbstständig in das Gebäude kommen können. Doch die Toiletten dort bleiben für die Öffentlichkeit verschlossen und würden im Rathaus nur bei Veranstaltungen für alle geöffnet, wie die Pressesprecherin der Stadt erklärt und auf die barrierefreie Toilette im Zeughaus verweist. Die seien zwar rund um die Uhr offen, doch meist in einem eher ungepflegten Zustand, wie Stephanie Wackernagel weiß. Für Rollstuhlfahrer seien sie aufgrund des engen Zugangs zudem kaum zu erreichen. Auch die öffentlichen Anlagen am Langenbrücker Tor und am Neuen Tor würden nicht immer den Ansprüchen genügen, zudem oft lange Wege erfordern. Und: „Am Treffpunkt ist erst gar keine Toilette für Menschen mit Behinderung vorhanden“, ereifert sich Stephanie Wackernagel. Das bedauert auch die Stadt, sieht jedoch wenig Handhabe, weil sie für die Räume am viel frequentierten Bus-Treffpunkt nicht zuständig sei. Eine Anlage auf dem benachbarten Lippegarten würde hingegen die Fläche für Veranstaltungen oder auch für die Eiswelt beschneiden. Jede Tour in die Stadt wird genau geplant Stephanie Wackernagel kann das nur bedingt nachvollziehen, zumal sie weiß, wie die Rollstuhlfahrer unter der unsicheren Toiletten-Situation leiden. Viele würden gar auf Getränke verzichten, um nicht in missliche Situationen zu geraten. „Alles muss da genau überlegt und vorab Informationen eingeholt werden, wo es Behindertentoiletten gibt und ob sie zugänglich sind“, erklärt Stephanie Wackernagel ihr Vorgehen. Ihr ist es wichtig, für die Belange der Menschen mit Behinderungen zu sensibilisieren. „Vieles könnte einfach auch besser geplant werden“, ist sie überzeugt - so etwa bei den öffentlichen Veranstaltungen. „Oftmals sind die Kabel schlecht verlegt, die Wege zu schmal für Menschen mit Behinderungen“, hat sie beobachtet und manchmal sei es doch so einfach, Abhilfe zu schaffen. Etwa bei den Gastroständen: „Warum bietet man nicht zumindest jeweils einen Stehtisch an, der niedriger ist, so dass die Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Rollator ihre Getränke oder auch ihre Bratwurst abstellen können und nicht auf dem Schoss balancieren müssen?“, hat sie jüngst erst einem Budenbetreiber vorgeschlagen. Der wäre ganz erstaunt gewesen, daran hatte er einfach noch nie gedacht. Und auch bei der Stadt ist sie durchaus auf offenen Ohren gestoßen. So soll der Hinweis auf die Busfahrer-Schulung an die Stadtwerke weitergetragen werden, die Auftraggeberin für das Busunternehmen ist. Und auch bei den barrierefreien Toiletten verspricht die Stadt, das Thema bei weiteren Entwicklungen im Auge zu behalten.