Lügde-Prozess: "Das hier ist kein Wunschkonzert!"

Janet König

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Der Angeklagte Heiko V. verbirgt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel. Neben ihm sitzt sein Verteidiger Jann Popkes. Links dahinter ist der Nebenklagevertreter eines Opfers Roman von Alvensleben zu sehen. - © Bernhard Preuß
Der Angeklagte Heiko V. verbirgt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel. Neben ihm sitzt sein Verteidiger Jann Popkes. Links dahinter ist der Nebenklagevertreter eines Opfers Roman von Alvensleben zu sehen. (© Bernhard Preuß)

Detmold. Bleich und zusammengesunken sitzt der 56-jährige Dauercamper Andreas V. auf der Anklagebank, den Blick starr zum Richtertisch gerichtet. Sein Mittäter Mario S. bekommt auch am zweiten Prozesstag im Fall Lügde nur den Rücken seines einstigen Kumpanen zugedreht. Der 34-Jährige wagt ein paar fast schon neugierige Blicke ins Publikum. Zwischendurch lächelt er kurz.

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An Tag zwei hat die Jugendschutzkammer die ersten vier Zeugen unter Ausschluss der Öffentlichkeit angehört – darunter Opfer und Eltern. Die Teilnahme sei für die Geschädigten freiwillig, das hatte die Vorsitzende Anke Grudda zuletzt betont. Sie hielt Wort. „Ein kleines Kind, das ich vertrete, hätte heute aussagen sollen. Die Kammer hat es auf unseren Wunsch sofort ausgeladen", sagt Rechtsanwalt Steffen Hörning aus Göttingen. Durch die Geständnisse der Angeklagten sei der Familie eine große Last genommen worden.

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Neuer Termin

Am 17. Juli soll das Urteil gegen Heiko V. in einem gesonderten Termin gesprochen werden. Vorher sollen der Sachverständige gehört und noch einige Beweismittel angeschaut werden. Verteidiger Popkes hofft auf eine Bewährungsstrafe.

Die erste Zeugin ist eine junge Frau. Sie ist 19 Jahre alt und als Kind von Andreas V. auf schlimmste Weise missbraucht worden. Ein paar Mal soll Heiko V. dabei über die Webcam zugeschaut haben. Durch die Vernehmung der 19-Jährigen kamen die Ermittler auf die Spur des 49-Jährigen. Die junge Frau möchte vor den Angeklagten aussagen, teilt ihre Anwältin Zeliha Evlice mit: „Sie wollte zeigen, dass die Männer keine Kontrolle mehr über ihr Leben haben."

Alle sind einverstanden – bis auf einen. Rechtsanwalt Johannes Salmen beantragt, seinen Mandanten Andreas V. aus dem Saal entfernen zu lassen. „Mein Mandant will keinen visuellen Kontakt zu den Opfern", sagt Salmen. Für einen Moment steht der sonst souveränen Vorsitzenden Anke Grudda das Erstaunen ins Gesicht geschrieben. „Das hier ist kein Wunschkonzert, er soll sich das ruhig anhören", sagt sie. Wenn sich Andreas V. hinter den Aktenordnern verstecken wolle, könne er dies tun.

Salmen klärt die Situation in der Pause als Missverständnis auf. „Ich dachte, ein Kind würde vernommen werden, das wollte ich dem Opfer ersparen", sagt Salmen. Sein Mandant Andreas V. habe nicht den Wunsch geäußert, den Saal zu verlassen. Die Zeugin macht ihre Aussage, die Angeklagten bleiben. Als sie den Saal verlässt, bricht sie in Tränen aus. „Das waren Tränen der Erleichterung", sagt ihre Anwältin Zeliha Evlice.

Im Anschluss verliest die Vorsitzende einen Mailverkehr zwischen Andreas V. und Heiko V. aus dem Jahr 2010/2011. Der Inhalt ist für die Anwesenden nur schwer zu ertragen. Detailliert tauschen sich die Angeklagten über ihr Verlangen nach Kindern aus. Andreas V. beschreibt, wie er ein schlafendes Kind zum Oralsex zwingt. In einer Mail berichtet der 56-Jährige von neuen Mädchen, die auf dem Campingplatz sind. Heiko V. antwortet: „Sind sie denn schon willig? Oder müsst ihr euch noch zusammenreißen?" Andreas V. zeigt keine Regung, Heiko V. sitzt mit dem Rücken zu den Zuschauern. Er muss nicht mehr bis zum Ende der Verhandlung bleiben, die Kammer trennt sein Verfahren. „Es wird einen gesonderten Termin geben", sagt Grudda.

Auch ein zehnjähriges Mädchen, das Andreas V. durch seine Aussage stoppen konnte, wagt mit ihrer Mutter den Gang ins Landgericht. „Für sie ist das eine Art Abschluss ", sagt Rechtsanwalt Roman von Alvensleben: „So kann sie sehen: Die Bösen sind weg, und das Gute hat gesiegt." Die Meinung teilen nicht alle Vertreter der Nebenklage. Doch jeder kann selbst entscheiden.

Die Doku zum Fall Lügde

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