"Bin in vier Monaten obdachlos": Wie dieser Haller in Not geraten ist

Heiko Kaiser

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Das Leben hat ihn skeptisch gemacht: Mehrfach hat Detlef Karl erleben müssen, dass es anders laufen kann, als geplant. Darüber ist er letztlich krank geworden. - © Heiko Kaiser
Das Leben hat ihn skeptisch gemacht: Mehrfach hat Detlef Karl erleben müssen, dass es anders laufen kann, als geplant. Darüber ist er letztlich krank geworden. (© Heiko Kaiser)

Halle. Inzwischen hat der 58-Jährige eine Wohnung gefunden. Wahrscheinlich jedenfalls. Oder nur vielleicht? So ganz genau kann er das nicht sagen. „Es gibt eine mündliche Zusage", erklärt er. Ganz sicher ist er sich nicht. Zu oft ist er in den vergangenen Jahren überrascht worden. „Du siehst irgendwann hinter allem nur das Böse", sagt er.

Das war einmal anders. Als Kind, mit zehn oder elf Jahren, in der Handballmannschaft des TV Künsebeck. Da war Detlef Karl ein durchweg positiv gestimmter Mensch. Einer, der viel gelacht hat, der Späße machte – auch wenn zu Hause der Vater oft betrunken war. Manchmal, ganz zart, taucht dieser Junge im Gespräch wieder auf. Etwa, wenn Detlef die betagte Hündin Sina streichelt, wenn er von seiner Mutter erzählt oder vom Dartsspielen.

Mit 17 scheitert der erste große Lebensplan

Seine Mutter ist vor fünf Jahren gestorben. Bis dahin lebten die beiden zusammen in der Wohnung am Samlandweg. Für ihren Tod fühlt er sich verantwortlich. Ein Asthmaanfall. Herzstillstand. Der Sohn ist dabei und erstarrt. „Ich konnte nichts tun. Und ich weiß nicht, warum." Aus dem künstlichen Koma wacht sie am Ende nicht mehr auf.

Anschließend nimmt das Unheil seinen Lauf. Begonnen hat es viel früher. Vielleicht schon mit 17, als sein erster großer Lebensplan scheitert. „Ich hatte eine Lehrstelle als Schlosser, danach wollte ich weiter zur Schule gehen, vielleicht den Techniker machen", erinnert sich Detlef Karl. Sechs Wochen vor Antritt der Ausbildung meldet das Unternehmen Konkurs an. Er nimmt das, was übrig bleibt, wird Einzelhandelskaufmann. Ein Beruf, den er nie wollte und den er nicht gerne macht. Nach der Ausbildung wartet der Bund. „Danach ging es ab", sagt Karl. Er nimmt verschiedene Jobs an, meistens im Lager. Nie ist etwas von Dauer. Denn Detlef Karl ist auf der Suche. Er will wissen, was die Welt noch für ihn bereithält, und schließt sich schließlich dem Schaustellerunternehmen Rasch an.

Verschuldet sich für seine Verlobte

Auf einer Kirmes lernt er eine Frau kennen und lieben. Sie ist auf dem Sprung nach München. Der damals 26-Jährige folgt ihr. „In München am Flughafen habe ich einen Job bekommen. Einen guten. Ich hatte bei einer Mikrochip-Firma das Lager unter mir", sagt Karl. Er tut alles, um heimisch zu werden. Zum zweiten Mal hat er einen Plan für sein Leben. Er nimmt 30.000 Mark auf, um die gemeinsame Wohnung einzurichten. Nach knapp drei Jahren verabschiedet sich seine Verlobte, lässt ihn zurück auf einem Berg Schulden. So kehrt er mit 29 nach Halle zurück, zieht zu seinen Eltern nach Künsebeck.

Für ein Unternehmen der Klimatechnik geht er auf Montage. Wieder ist Detlef Karl auf Reisen. Bis er erneut eine Frau kennenlernt. Er kündigt, bekommt einen Zeitvertrag bei einer Gütersloher Firma. Der Vertrag läuft aus – die Beziehung auch. Detlef Karl ist arbeitslos. Depressionen kündigen sich an. „Zuerst schleichend. Du kannst nicht mehr schlafen, dann hast Du morgens keine Lust mehr aufzustehen", sagt Detlef Karl.

Vor sechs Jahren ist er mit seiner Mutter – der Vater ist inzwischen gestorben – in die Wohnung am Samlandweg gezogen. Wegen der anhaltenden Depression findet er keinen neuen Job. Der Schuldendruck und die Rückzahlungsverpflichtungen münden schließlich in die Privatinsolvenz. „Du hast plötzlich das Gefühl, nichts mehr Wert zu sein. Du siehst keinen Sinn mehr in irgendwas", sagt er.

Dann stirbt die Mutter. Die Wohnung ist zu groß, zu teuer. Karl muss von seinem Hartz-IV-Satz Monat für Monat 165 Euro abzwacken, um sie zu halten. Es bleiben ihm somit nach Abzug aller Verpflichtungen 260 Euro – für Essen, Kleidung, Freizeitgestaltung und alle Dinge des täglichen Bedarfs. „Dann hatte ich einen Ausraster", sagt Detlef Karl und blickt dabei zu Boden. „Fast hätte ich Menschen angegriffen", ergänzt er leise.

„Da wusste ich, ich muss etwas tun."

Der Mittfünfziger wendet sich an die Tagesklinik in Halle, die ihn stabilisiert. „Dort habe ich gemalt. Das war mein erstes Bild", sagt er und zeigt auf ein Porträt in Acrylfarben. Ein Selbstporträt. „Da war ich wirklich stolz", ergänzt er und lächelt verschmitzt. Der kleine Junge ist da.

Detlef Karl ist heute Frührentner. Ohne Antidepressiva ist das Leben nicht zu bewältigen. Und auch mit ihnen gibt es Tage, da plagen ihn die Schmerzen am ganzen Körper. Karl nennt sie „meine Depressionsschmerzen".

2018 bekommt er die Kündigung wegen Eigenbedarfs. Jüngst habe ein Gericht entschieden, dass er und seine 17-jährige Jack-Russel-Terrier-Hündin in spätestens vier Monaten ausziehen müssen. Und wieder beginnt für ihn eine Reise.

„Es ist so schwer, hier in Halle eine Wohnung zu finden", sagt Detlef Karl. „Überall in Deutschland. Das ist eines der größten Probleme. Und die Politiker wissen gar nicht, dass es sie überhaupt gibt." Er verstehe deshalb, warum die AfD einen derartigen Zulauf hat. „Das sind nicht alles Rechtsradikale. Sondern viele haben einfach Angst um ihre Existenz", fügt er hinzu, um sich gleich zu korrigieren: „Die AfD nutzt das aus. Lösen kann sie die Probleme nicht."

Welche Ziele er sich noch im Leben gesetzt hat? „Großartige Ziele setzt man sich im meinen Alter nicht mehr", sagt er zum Abschluss. Der kleine Junge hat sich da längst wieder zurückgezogen.

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