In ganz OWL droht ein Corona-Notstand

Angela Wiese, Carolin Nieder-Entgelmeier und Lothar Schmalen

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Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. - © AFP
Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. (© AFP)

Gütersloh/Bielefeld. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) schließt einen regionalen Lockdown wegen der Corona-Masseninfektion im Fleischunternehmen Tönnies nicht mehr aus. Am Freitag wurde ein regionaler Krisenausschuss der Bezirksregierungen Detmold, Arnsberg und Münster unter Beteiligung des NRW-Gesundheitsministeriums gebildet – auch weil die 7.000 Tönnies-Mitarbeiter nicht nur im Kreis Gütersloh, sondern auch in den Kreisen Warendorf und Soest sowie in Bielefeld, Hamm und anderen Orten wohnten, wie Laschet betonte. Am Sonntag will das Landeskabinett zu einer Sondersitzung zusammentreten, um die Lage neu zu bewerten. Die Zahl der infizierten Tönnies-Mitarbeiter stieg auf 803. Laschet sprach vom bisher größten Infektionsgeschehen in NRW, das es nun einzudämmen gelte, so wie es vor einigen Wochen in einer anderen Fleischfabrik in Coesfeld gelungen sei.

Strenge Quarantäne

Der Ministerpräsident zeigte sich fest entschlossen, die Quarantäne für die Mitarbeiter des Fleischunternehmens Tönnies „mit allen Mitteln" durchzusetzen. Das Unternehmen und die Behörden müssten die Isolierten mit Lebensmitteln und Artikeln des alltäglichen Lebens versorgen, damit niemand seine Wohnung zum Einkaufen verlassen müsse. Der Kreis Gütersloh erließ eine Allgemeinverfügung, mit der sämtliche Beschäftigte der Unternehmensgruppe Tönnies am Standort Rheda-Wiedenbrück unter Quarantäne gestellt sind – inklusive der Verwaltung, Management und der Konzernspitze. Das heißt, dass Schalke-Boss Clemens Tönnies nicht zum Spiel seiner Mannschaft nach Gelsenkirchen fahren darf.

Die Verfügung stelle auch zusätzlich sämtliche Haushaltsangehörige der Beschäftigten mit unter Quarantäne, heißt es in einer Mitteilung. Einige Mitarbeiter können den Angaben nach aber in sogenannte Arbeitsquarantäne. Das heißt, dass sie sich nur zwischen Arbeits- und Wohnort bewegen dürfen. Das gilt auch für Clemens Tönnies, Gesellschafter von Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies, wie ein Konzernsprecher der Deutschen-Presse Agentur sagte.

Der Krisenstab des Kreises Gütersloh hat unterdessen die Polizei um Hilfe gebeten: Sie soll die Ordnungsbehörden der Kommunen bei der Quarantäneüberprüfung unterstützen. Die Polizei Bielefeld hilft unter anderem mit Beamten der Einsatzhundertschaft in den Kreisen Gütersloh und Warendorf.

Strafanzeigen

Nach dem Eingang mehrerer Strafanzeigen in Zusammenhang mit dem Ausbruch ermittelt nun die Staatsanwaltschaft Bielefeld. Laut Oberstaatsanwalt Martin Temmen sind bislang fünf Strafanzeigen eingegangen. Das Verfahren gegen Unbekannt sei wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Körperverletzungen und des Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz eingeleitet worden, so Temmen.

Produktion

Am Freitag wurden die Restbestände am Stammsitz in den Bereichen Rinder- und Sauenzerlegung sowie Zwiebelmett verarbeitet und diese Bereiche heruntergefahren, erklärt Tönnies-Sprecher André Vielstädte. Die Zerlegebetriebe und der Versand werden am Samstagabend geschlossen. Der Schlachthof ist bereits seit Dienstag zu. Der Kreis hatte dem Unternehmen in den Produktionsbereichen noch eine so genannte Arbeitsquarantäne gestattet, um die zuletzt geschlachteten Tiere noch zu Lebensmitteln verarbeiten zu können.

Soldaten der Bundeswehr stehen an der Einfahrt für LKW-Fahrer zum Betriebsgelände der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. - © picture alliance/dpa
Soldaten der Bundeswehr stehen an der Einfahrt für LKW-Fahrer zum Betriebsgelände der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. (© picture alliance/dpa)

Bundeswehr

Zur Entlastung der ehrenamtlichen Kräfte des Deutschen Roten Kreuzes und des Malteser-Hilfsdienstes unterstützten 25 Soldaten der Bundeswehr aus Augustdorf im Kreis Lippe und aus Rheinland-Pfalz seit Freitag den Kreis Gütersloh bei der Reihentestung von rund 7.000 Tönnies-Mitarbeitern. Für die Testungen am Tönnies-Werk wurden nach Angaben von Bundeswehr-Sprecher Uwe Kort Absperrungen aufgebaut. „Der Kreis hat aber weiter die Verantwortung. Wir unterstützen nur." Im Einsatz sind 13 Sanitätssoldaten und zwölf Soldaten zur Dokumentation. Untergebracht sind die Einsatzkräfte in Hotels. Laut Kort leben auch einige in der Nähe von Rheda-Wiedenbrück. Der Krisenstab des Kreises Gütersloh teilt mit, weitere Unterstützung angefordert zu haben: Einer Mitteilung zufolge sollen insbesondere 20 Scouts der Bundeswehr den Kreis im Bereich des Kontaktmanagements unterstützen.

Gesundheit

Unklar ist aktuell, wie es den mindestens 803 infizierten Tönnies-Mitarbeitern geht. Laut Kreisverwaltung Gütersloh werden aktuell 15 Covid-19-Patienten aus dem Kreis Gütersloh in Krankenhäusern im Kreisgebiet behandelt. „Wie viele dieser Patienten für Tönnies arbeiten, ist uns nicht bekannt", erklärt Sprecherin Beate Behlert. Nach Informationen dieser Redaktion werden Tönnies-Mitarbeiter jedoch nicht nur in Krankenhäusern im Kreis Gütersloh behandelt, sondern auch in Bielefeld. Zudem bereiten sich die Krankenhäuser rund um den Hotspot Rheda-Wiedenbrück auf steigende Infektionszahlen vor. Viele Kliniken haben bereits Besucherstopps verhängt und klären in Krisenstäben, ob die Intensivkapazitäten wieder erhöht werden müssen. Der Krisenstab das Kreises hat Hilfe beim Land angefordert. Es werde geplant, mit einer großen Zahl von mobilen Teams die Unterkünfte aufzusuchen, Abstriche zu machen, medizinische Beratung und Betreuung zu gewährleisten und auch zu schauen, wer in den Unterkünften anzutreffen ist.

Politische Forderungen

Die heimischen SPD-Bundestagsabgeordneten Elvan Korkmaz-Emre und Stefan Schwartze fordern den Unionsfraktionsvorsitzenden Ralph Brinkhaus (CDU) dazu auf, Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) seine vorbehaltlose Unterstützung im Kampf gegen das System Werkverträge zuzusichern. Heil fordert, dass ab 2021 Schlachtung und die Verarbeitung von Fleisch nur noch von Beschäftigten des eigenen Betriebs besorgt werden dürfen. Die NRW-SPD drängt bei weiteren Infektionsfällen im Kreis Gütersloh auf einen Lockdown im gesamten Kreis.

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