Bielefeld. Während der Einzelhandel in vielen Städten verzweifelt ums Überleben kämpft, wächst der Onlinehandel unbeirrt weiter. Laut Medienberichten erreicht die Zahl der Rücksendungen von Paketen 2025 ihr Rekordhoch. Bis zum Jahresende werde sie wohl auf 550 Millionen steigen, prognostiziert Retourenforscher Björn Asdecker von der Universität Bamberg. Ein Mitarbeiter der Deutschen Post (Name der Redaktion bekannt) wendet sich indes Hilfe suchend an die Öffentlichkeit. Das Konsumverhalten der Privatleute in Kombination mit zweifelhaften Unternehmensentscheidungen brächte die Zusteller an die Grenzen des Menschenmöglichen – oft wüssten sie sich nur noch mit einer Krankschreibung zu helfen. „Es geht nicht mehr“, sagt der Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte. „Die Deutsche Post hat Anfang des Jahres einen großen Fehler gemacht und Arbeitskräfte ohne Festverträge entlassen.“ Dadurch sei allerdings so viel liegen geblieben, dass mittlerweile wieder Hilfskräfte eingestellt worden seien. „Teilweise konnten Briefe über 14 Tage hinweg nicht zugestellt werden.“ Deutsche Post baut tausende Stellen ab Um zu sparen, hatte die Deutsche Post im zurückliegenden März zudem verkündet, bis zum Jahresende 8.000 Stellen streichen zu wollen – vor allem im Brief- und Paketgeschäft. Im ZDF äußerte Christina Dahlhaus, Vorsitzende der Kommunikationsgewerkschaft DPV, daraufhin harsche Kritik an der Maßnahme: „Das ist eine absolute Unverschämtheit, das ist ein Kahlschlag – jetzt 8.000 Stellen zu streichen, wo wir sowieso schon Personalmangel haben und alle Zusteller am Limit sind.“ Am Limit – dort ist auch der Mitarbeiter aus OWL angekommen. Die Entwicklung habe nicht nur negative Folgen für die Zusteller, sondern auch für die Empfänger. „Die Service-Qualität hat stark nachgelassen“, gibt er zu. „Früher konnte man mal ein Pläuschchen mit den Leuten halten, heutzutage knallt man nur noch die Pakete vor die Tür, weil die Zeit fehlt.“ Das sei aber eben einer mangelhaften Personaldecke geschuldet. Ins Bild passen dabei auch die vielen Beschwerden, die 2025 bisher bei der Bundesnetzagentur eingegangen sind und in ihrer Zahl einen Negativrekord bedeuten. Mehr als 44.000 kritische Wortmeldungen über die Postdienste habe die Aufsichtsbehörde in den ersten neun Monaten des Jahres erhalten – rund 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Postmitarbeiter hilft sogar an freien Tagen aus „Wir werden immer mehr gescheucht“, klagt der Mitarbeiter. „Da hilft manchmal nur noch der gelbe Schein.“ Er arbeite sogar freiwillig an freien Tagen, um das Arbeitspensum stemmen zu können. „Sonst starten wir gleich mit einem Rückstand in die Arbeitswoche“, erklärt er. .responsive23-PRiDDxokpiJ31LN7-ttc-linechart-paketsendungen-in-deutschland { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-PRiDDxokpiJ31LN7-ttc-linechart-paketsendungen-in-deutschland { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-PRiDDxokpiJ31LN7-ttc-linechart-paketsendungen-in-deutschland { padding-top: 142.86%; } } Die Post habe zu spät den Trend zu exzessivem Konsum ganz bequem von zu Hause erkannt. Dass sich die Menschen das Einkaufserlebnis samt unverbindlicher Anprobe von Kleidung heutzutage in die eigenen vier Wände liefern lassen, bekommt der Mitarbeiter tagtäglich zu spüren. „Das ist ein Konsumrausch. Retourenkosten müssten wesentlich höher sein“, findet er. Vor diesem Hintergrund befürwortet er auch Maßnahmen wie Account-Sperren oder erhöhte Rücksendegebühren seitens der Online-Händler, wie etwa Zalando oder Amazon, „für Leute, die es übertreiben.“ „Ich kenne eine Familie – da habe ich dieses Jahr bestimmt schon 400 Pakete hingebracht“, sagt der Mitarbeiter ungläubig. „Ich frage mich, wie die da selbst den Überblick behalten.“ Traditionell wird der Pakethandel gerade zu Weihnachten erheblich angekurbelt. Dass dieses Jahr alle Lieferungen rechtzeitig zum Fest zugestellt werden können, bezweifelt er stark. Deutsche Post lasse seine Mitarbeiter nicht im Stich Auch DHL-Pressesprecher Rainer Ernzer wirbt um Verständnis. Verzögerungen müssten einkalkuliert werden. Der Pakethandel nehme laufend zu, daher seien die neuen Höchstwerte für Retouren nicht überraschend. Dass die Zusteller unter der Paketflut ächzen, kann er nachvollziehen. „Ein Paket darf 31,5 Kilogramm wiegen – und die Leute bestellen heutzutage alles“, weiß er. „Dass die Kollegen ihr Päcklein zu tragen und insgesamt einen knackigen Job haben, ist klar“, räumt Ernzer ein. „Aber wir lassen niemanden im Regen stehen.“ An den Stellen, wo Pakete auf die Fahrzeuge verteilt werden, habe das Unternehmen zusätzliche Hilfskräfte eingesetzt, um die Zusteller zu entlasten. Generell gelte für Aushilfen bei der Post: „Alle, die gut sind und wollen, haben bei uns eine Perspektive.“ Gerade um die Weihnachtszeit seien zusätzliche Arbeitskräfte nötig. Und heutzutage auch noch einige Zeit darüber hinaus, wie Ernzer festhält. „Früher sind die Paketsendungen nach Weihnachten sofort auf ein Normalmaß gefallen.“ Mittlerweile werde aber auch den Januar hindurch noch fleißig bestellt und zurückgeschickt. Geldgeschenke, Gutscheine und Retouren sorgten demnach dafür, dass auch Anfang des neuen Jahres mehr Pakete im Umlauf seien als üblich. Was das Konsumverhalten und regulierende Maßnahmen der Online-Händler betrifft, so hält sich Ernzer zurück. „Wir orientieren uns da am Markt.“ Jedes Unternehmen müsse selbst entscheiden, wie etwa mit exzessiven Rücksendungen umzugehen ist. Um es den Post-Mitarbeitern leichter zu machen, empfiehlt er allerdings, sich bei der DHL zu registrieren, um als Empfänger digital Einfluss auf die Auslieferung nehmen zu können.