Lemgo. Der Countdown läuft. Vor eineinhalb Jahren hat er es bereits angekündigt. Auf der Gesellschafterversammlung am 9. Oktober zieht sich Herbert Vogel nach 15 Jahren aus dem Beirat des TBV Lemgo Lippe zurück. Zeit für eine Rückschau. Der Saisonstart verlief wie geschmiert für den TBV Lemgo Lippe. Warum legen Sie ausgerechnet jetzt ihr Amt nieder? HERBERT VOGEL: Ich werde in wenigen Tagen 72 Jahre alt und ich finde, dass wir im Beirat breit und gut aufgestellt sind. Neben mir scheidet zwar auch Ulrich Kaltenborn aus. Dafür rückt mit Georg Pescher, dem Deutschlandchef von Alpla, eine interessante Persönlichkeit nach. Durch Roy van Maanen, Klaus Rübesamen, Klaus Drücker und Arndt Schirneker-Reineke wird der Beirat damit auch deutlich jünger. Und Prof. Dr. Gunther Olesch bleibt ja weiterhin dabei. Das alles sind gute Voraussetzungen, dass es weiter voran geht. Nach neun ereignisreichen Jahren an der Spitze des TBV: Überwiegt Stolz oder Wehmut? Man muss Jahr für Jahr mit einer gehörigen Portion Demut rangehen. Die Liga hat sich in der Zwischenzeit enorm entwickelt. Doch ich glaube, dass der TBV im Pokal immer wieder mal eine Chance bekommt. Wir waren dreimal hintereinander im Final Four und haben einmal sogar den Pokal gewonnen. Ob Stolz oder Wehmut? Das kann ich nicht beschreiben. Jedenfalls gehe ich erhobenen Hauptes von Bord. Ich weiß, dass das nur möglich ist, weil wir über eine außerordentlich gute Geschäftsstelle verfügen, die zahlreiche Personalveränderungen gut verkraftet hat. Auch darf man das perfekt funktionierende Team um die Mannschaft herum nicht vergessen. Zudem verfügen wir gerade über eine echte Mannschaft, in der jeder für den anderen kämpft. Wesentlich zur sehr soliden Situation tragen auch Jörg Zereike, Florian Kehrmann und Matthias Struck bei. Wenn ich daran denke, dann ist auch ein bisschen Wehmut dabei. Doch ich bin weiterhin Gesellschafter und versuche auch zukünftig, mir möglichst viele Spiele anzuschauen. Als Sie 2016 die Nachfolge von Siegfried Haverkamp antraten, haben Sie gleich die Konzeption „TBV 2020“ aufgelegt. Wie blicken Sie auf diese schwierige Zeit zurück? Wir stellten seinerzeit die jüngste Mannschaft der Liga und haben häufig Spieler ausgetauscht. Doch wenn man unten steht, bekommt man nicht die Leute, die man sich wünscht. So mussten wir auf Risiko setzen und auf junge Spieler hoffen, die sich nach vorne entwickeln. Bei Lukas Zerbe hat das toll geklappt. Ich erinnere mich noch an unser erstes Gespräch mit Jonathan Carlsbogard in der Kabine in Verl. Er sprach nur drei Brocken Deutsch. Carlsbogard war ein echter Glücksgriff. Und dann haben wir nach Spielern geschaut, die bei anderen Vereinen nicht mehr solch eine Wertschätzung erhielten. Isaias und Gedeon Guardiola waren für uns absolute Ankerpunkte. Meine persönliche These ist es, solche Spieler so lange wie möglich zu halten. Ganz viele haben in den vergangenen Monaten gesagt, Spieler wie Suton oder Hutecek würden beim TBV nicht verlängern. Aber genau das ist passiert. Wir müssen junge Leuten holen und dann halten. Dass wir mal Spieler wie ,Luki’ und Jonathan auf der Strecke verlieren, ist normal. Aber sie sind als Freunde gegangen. Der TBV wird unter ihrer Regie mit Kontinuität in Verbindung gebracht... Ja, mit Kontinuität sind wir immer gut gefahren. Das haben wir auch bei den Sponsoren geschafft und unser Budget in den vergangenen zwei Jahren etwas aufgestockt. Es ist extrem wichtig, dass wir diese Landschaft erhalten. Gerade in diesen wirtschaftlich herausfordernden Zeiten genießt das höchste Priorität. Ansonsten müssten wir wieder abspecken. 2017 stand der TBV kurz vorm Abstieg in die 2. Liga. Hatten Sie sich ihren Start seinerzeit so schwer vorgestellt? Nein, soo schwer nicht. Wir waren mit der sehr jungen Mannschaft ein hohes Risiko gegangen und mussten uns erst stabilisieren. Mit Gedeon Guardiola und Jonathan Carlsbogard ist uns das dann gelungen. Um die beiden herum haben alle gelernt. Zudem hatten wir mit Bjarki Mar Elisson ja noch so einen Zünder. Vor den entscheidenden Spielen im Abstiegskampf habe ich ganz schlecht geschlafen – aber danach ebenfalls. Im Nachhinein sind wir zweimal nur haarscharf am Abstieg vorbeigeschrammt. Diese Krisen waren sehr anspruchsvoll, aber wir haben nicht die Nerven verloren. Was „Flo“ Kehrmann da geleistet hat, war wirklich top. Er hat bis zum Schluss sehr tief in die Mannschaft reingeschaut. Sie haben auf die Frage, wofür der TBV steht, mal geantwortet: „Tradition hat jeder Verein.“ Also: Wofür steht der TBV jetzt? Wir machen aus wenig viel. Wenn ich sehe, was wir aus unserem Budget herausholen, sind wir einer der Effizienzkönige der Liga. Dafür wird uns auch viel Respekt gezollt. Und auch für die Ruhe, die wir im Verein haben. Sportlich stellen wir eine Mannschaft, die jeden Gegner herausfordern kann. Zudem ist das Umfeld vernünftig. Bei einer Auslastung von 95 Prozent hat jedes Team Respekt, in die Phoenix-Contact-Arena zu fahren. Mit Kontinuität und Effizienz haben wir viel Respekt zurückgewonnen. Sie waren auch in viele Personalgespräche mit eingebunden. Wer war der härteste Verhandlungspartner? Die Gespräche mit Jonathan Carlsbogard und seinem Berater Ake Unger waren herausfordernd – aber auch stets fair. Große Freude haben mir die Verlängerungen mit Lukas Hutecek und Tim Suton gemacht, der ja bis 2030 unterschrieben hat. Tim steht für unsere Kernbotschaft: Immer alles geben. Manchmal gibt er auch zu viel. Da habe ich Sorge, dass er sich verletzt. Persönlich und körperlich hat sich Tim Suton extrem weiterentwickelt beim TBV. In neun Jahren als „Chef“ mussten sie keinen einzigen Trainerwechsel moderieren... Ich bin grundsätzlich ein Freund von Kontinuität. Was ich an „Flo“ Kehrmann aber besonders schätze, ist seine Präzision. Seine Entscheidungen in schwierigen Situationen oder in der Crunchtime sind großartig. Man denkt immer, gleich verliert er die Nerven. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Er kann auch in solchen Momenten motivieren, etwas Außerordentliches zu machen. Doch Kehrmanns Vertrag läuft nur noch bis zum nächsten Sommer... „Flo“ hat als Spieler 15 Jahre unser Trikot getragen. Jetzt ist er in der elften Saison unser Trainer. Das sagt sehr viel. Obwohl er immer wieder Chancen hatte, zu anderen Vereinen zu wechseln, steht er zum TBV. Das schätzt auch die Mannschaft. Er hat viele Spieler besser gemacht und einigen „Aussortierten“ neue Perspektiven aufgezeigt. Wir haben ausführliche und gute Gespräche mit „Flo“ geführt. Es wäre mein Abschiedswunsch, wenn er erneut bei uns verlängert. Um eine Thematik kommen wir nicht herum: Beim Sponsorentreffen haben Sie kürzlich die Vision einer Hallenerweiterung aufgebracht. Ja, das wäre ein Traum, wenn wir die Phoenix-Contact-Arena noch einmal gezielt erweitern könnten. Um 1000 bis 1500 Plätze. Um langfristig in der 1. Liga bestehen zu können, benötigt man eine Kapazität für 5000 bis 6000 Zuschauer. Perspektivisch mindestens genau so wichtig ist die Energieeffizienz der Halle. Wegen der Traglast des Daches können wir aktuell kein Solar draufpacken. Weil ich überzeugt bin, dass die Halle für die Zukunft des TBV Lemgo Lippe ein wesentlicher Punkt ist, möchte ich nach meiner Zeit als Beiratsvorsitzender mit Bauexperten und der Politik diskutieren, ob es mit vertretbarem Aufwand eine realistische Möglichkeit gibt, hier nachzubessern.