Urteil im Fall Lügde: Demo in Bielefeld, Kritik vom Familienminister

Leandra Kubiak

Am Landgericht in Detmold wurde am Mittwoch das erste Urteil im Fall Lügde verkündet. - © Bernhard Preuss / LZ
Am Landgericht in Detmold wurde am Mittwoch das erste Urteil im Fall Lügde verkündet. (© Bernhard Preuss / LZ)

Bielefeld. Im Zusammenhang mit dem hundertfachen Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde wurde am Mittwochabend das erste Urteil gesprochen: Der 49-jährige Heiko V. aus Stade wurde wegen Anstiftung und Beihilfe zu schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Die Detmolder Staatsanwaltschaft hat inzwischen Revision eingelegt.

Das Strafmaß, für das sich die Jugendschutzkammer unter Vorsitz von Richterin Anke Grudda entschieden hat, sorgt bei vielen für Unverständnis. "Dieses Urteil macht mich sprachlos", sagte Opferanwältin Zeliha Evlice kurz nach der Urteilsverkündung. „Alle Täter da draußen lachen sich jetzt doch ins Fäustchen. Dieses milde Urteil ist für Kinderschänder ein Freibrief."

"Unfassbar", urteilt auch der Verein Zartbitter aus Köln. Auf Twitter teilt der Verein mit, das Urteil würde die Botschaft vermitteln, sexuelle Gewalt sei eine Bagatelle und Kinder würden ohne rechtlichen Schutz dastehen.


Demo in Bielefeld

Auch bei der Bielefelderin Erda Seib hat das Urteil Entsetzen ausgelöst. Kurzerhand entschloss sie sich am heutigen Donnerstag dazu, eine Eilversammlung in Bielefeld anzumelden und ein Zeichen zu setzen. "Mich macht das sprachlos und wütend", sagt die 42-Jährige. Ihr geht es nun darum, sich mit den Opfern des Missbrauchs solidarisch zu zeigen.

Mit Start um 14 Uhr hat die Bielefelderin spontan eine Demonstration durch die Innenstadt angemeldet, der sich drei weitere Teilnehmer anschlossen. Für Samstag ist eine weitere Demonstration in Bielefeld geplant. Starten soll sie um 12 Uhr am Hauptbahnhof.

Kinderschutzbund kritisiert Urteil

Auch der Deutsche Kinderschutzbund kritisiert das erste Urteil im Missbrauchsfall Lügde. Das Landgericht Detmold hatte am Mittwoch einen Mann aus Niedersachsen zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt.

Die Landesgeschäftsführerin des Kinderschutzbundes wollte die Entscheidung des Gerichts zwar nicht juristisch bewerten, äußerte aber Zweifel an der Richtigkeit.

Es stelle „sich die Frage, wie das Urteil auf andere Täterinnen und Täter wirkt, die kinderpornografisches Material besitzen oder zu sexueller Gewalt anstiften. Ich bin nicht sicher, ob dieses Signal wirklich abschreckend genug ist", sagte Krista Körbes.

NRW-Familienminister: «Das Strafrecht reicht hier nicht aus»

Das erste Urteil mit Bewährungsstrafe im Missbrauchsfall Lügde zeigt aus Sicht des nordrhein-westfälischen Familienministers Joachim Stamp (FDP) Rechtslücken. «Das Strafrecht reicht hier nicht aus», kritisierte Stamp am Donnerstag in Düsseldorf. «Es kann nicht sein, dass es bei einem solchen Vergehen, was Leben zerstört, eine Bewährungsstrafe geben kann.» Der FDP-Politiker wollte das jedoch nicht als Gerichtsschelte verstanden wissen.

Aus Sicht der Jugendschutzkammer hatten sich das Geständnis des Mannes, seine persönliche Entschuldigung an eines der Opfer und die sieben Monate lange U-Haft strafmildernd auf das Urteil ausgewirkt. Zudem habe die Kammer die vergleichsweise wenigen Taten von Heiko V. in Relation zu denen der Hauptangeklagten Andreas V. und Mario S. zu bewerten, die sich für mehr als 450-fachen Missbrauch über Jahrzehnte verantworten müssen.

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