Lage/ Detmold. Er blickt beschämt vor sich auf den Tisch, während Staatsanwältin Lisa Jelinek Punkt für Punkt der Anklage verliest. Über Jahre hinweg hat ein Verwaltungsfachangestellter aus Lage (39) das Vertrauen seiner Kolleginnen und Kollegen missbraucht - und dabei die Stadt Lage um mindestens 25.900 Euro gebracht. Die Masche war immer ähnlich: Er bestellte teure Handys, E-Gitarren und Zubehör für seine persönlichen Zwecke, gab aber vor, notwendige Anschaffungen für die Stadt zu machen. Dass ihm dieser Betrug über einen so langen Zeitraum gelingen konnte, kann der Vorsitzende Richter Martin van der Sand, kaum nachvollziehen. Es hätten überhaupt keine Kontrollinstanzen gegriffen, um möglichem Missbrauch entgegenzuwirken. Stattdessen sei der angeklagte Mitarbeiter sogar der Einzige gewesen, der Zugriff auf das städtische Amazon-Konto gehabt habe. Sicher scheint daher: „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt der Vorsitzende. Wahrscheinlich geht es am Ende sogar um rund 44.000 Euro städtische Gelder, die unberechtigt an den Angeklagten geflossen sind. Das legt ein notariell beglaubigtes Schuldeingeständnis nahe, mit dem der Ex-Mitarbeiter der Stadtverwaltung ersparen wollte, ihn teuer zu verklagen, erklärt dessen Verteidiger Johannes Salmen. Gegenstand der Anklage ist die Summe nicht. Die Rechnungen genau aufzudröseln, scheint kompliziert. Vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Detmold geht es am Dienstag deswegen nur um 37 Vorwürfe aus dem Zeitraum von Januar 2021 bis Ende 2022. Erste Auffälligkeiten soll es bereits im Jahr 2017 gegeben haben. „Die Schwierigkeit ist aber, die Sachen konkret zuzuordnen“, erklärt der Richter. „Deswegen unterhalten wir uns über eine deutlich niedrigere Summe.“ Richter: „Der größte Fehler Ihres Lebens“ Am Ende verurteilt das Schöffengericht den geständigen Angeklagten wegen Betrug in 36 Fällen zu anderthalb Jahren Haft auf Bewährung. Darüber hinaus soll der Lagenser 150 Arbeitsstunden als Auflage erfüllen und den entstandenen Schaden von rund 25.860 Euro zurückzahlen. „Sie haben Recht, Sie haben den größten Fehler Ihres Lebens gemacht, der 2017 anfing und 2022 auffiel“, sagt der Vorsitzende in der Urteilsbegründung. Vor ihm sitzt ein geläutert wirkender Mann, den seine Taten wirtschaftlich ruiniert haben, dessen ist sich auch das Gericht bewusst. „Ich habe versucht, eine Lücke mit Konsum zu schließen“, erklärt der 39-Jährige. Dass er sich immer weiter in einer Abwärtsspirale verfangen habe, habe an seiner Depression gelegen, die ihn belastet habe. Inzwischen gehe es ihm besser, auch wenn er täglich unter dem leide, was er getan hat. Er wolle sich das Vertrauen zurückerkämpfen, das er missbraucht und verloren habe, beteuert der Angeklagte. Im Zuschauerraum sitzen ehemalige Kolleginnen, die ihn offenbar unterstützen. Sein Verteidiger Johannes Salmen beschönigt dennoch nichts: „Er hat jahrelang für die Stadt gearbeitet und plötzlich hat er angefangen, diese Vertrauensposition auszunutzen.“ Obwohl der Angeklagte eine Anordnungsbefugnis von bis zu 1000 Euro innehatte, störte sich offenbar niemand daran, dass er sich teilweise höhere Summen auf sein Konto oder das von entsprechenden Gläubigern überweisen ließ. Angeklagter verschleierte Betrug gekonnt Dabei gab er große Mühe, die Sache zu verschleiern, erklärt der Vorsitzende. „Sie haben das Vertrauen missbraucht, das ist ziemlich schäbig.“ Teilweise legte der Angeklagte dafür Auszüge eines Warenkorbes von Amazon vor, der beispielsweise einen Bürostuhl, Desinfektionsmittel oder Masken enthielt. In Wirklichkeit bestellte sich der Mann aber teure Musikinstrumente. „E-Gitarren und Handys ließen sich im Umfeld meines Mandanten gut weiterverkaufen“, erklärt Verteidiger Salmen. Der einzige geladene Zeuge, ein Rechnungsprüfer des Kreises Lippe, blickt etwas ratlos auf den Fall, den er intern aufarbeiten sollte. „Eine Erklärung habe ich nicht“, sagt er auf Nachfrage des Richters. „Die Zusammenarbeit hat offenbar auf einer Vertrauensbasis stattgefunden, interne Kontrollmechanismen haben nicht gegriffen.“ Im Nachhinein könne man sich nur wundern. Aufgefallen war der Fall nur, weil der Angeklagte krank wurde und auffällige Rechnungen in seinem dienstlichen Mailpostfach landeten. Inzwischen hat der 39-Jährige begonnen, seine Schulden mit monatlichen Raten von 50 Euro an die Stadt zurückzuzahlen. 450 Euro habe er bereits überwiesen, sagt sein Verteidiger. Die Summe soll größer werden, sobald sein Mandant wieder einen festen Job hat. Mit dem Urteil bleibt das Schöffengericht ein halbes Jahr unter dem Antrag von Staatsanwältin Jelinek. Verteidiger Salmen plädiert ebenfalls auf eine bewährungsfähige Strafe, stellt die Höhe aber ins Ermessen des Gerichts. Die Stadt Lage arbeitet seitdem laut Bürgermeister Matthias Kalkreuter nach dem Vier-Augen-Prinzip, damit so etwas nicht noch mal passieren kann.