Missbrauch auf Campingplatz: Jugendamtsmitarbeiterin löscht Hinweise aus Akte

Janet König

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Landrat Tjark Bartels entschuldigte sich für die Fehöer in den Hamelner Behörden bei den Opfern. - © Jannik Stodiek
Landrat Tjark Bartels entschuldigte sich für die Fehöer in den Hamelner Behörden bei den Opfern. (© Jannik Stodiek)

Hameln. Er hatte es am Anfang nicht wahrhaben wollen, doch jetzt musste Hamelns Landrat Tjark Bartels schwere Fehler seines Jugendamts zugeben. In den Akten der Behörde sind mehrere Hinweise notiert worden, die Andreas V. als Pädophilen hätten entlarven müssen. Zunächst hatte das Jugendamt immer beteuert, es hätte keine Kenntnisse über einen möglichen sexuellen Missbrauch gehabt.

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Eine Übersicht aller bisher erschienen Artikel zum Missbrauchsskandal in Elbrinxen finden Sie im LZ-Spezial.

Doch nun wir klar: das Jugendamt Hameln hätte dem 56-jährigen Hauptverdächtigen, der mindestens 34 Kinder über Jahre hinweg auf dem Campingplatz missbraucht haben soll, nie ein Pflegekind zusprechen dürfen. „Wir entschuldigen uns ausdrücklich bei denjenigen, die dadurch Leid erfahren haben", sagte Bartels. Es war die erste Entschuldigung, die der Hamelner Landrat den Opfern gegenüber aussprach. Vorher habe Bartels nicht wissen können, ob seine Behörde tatsächlich gravierende Fehler gemacht hätte. Die Akten seien erst kürzlich von der Staatsanwalt übergeben und nun ausgewertet worden.

Wichtige Hinweise gelöscht

Die Erkenntnisse daraus sind bitter. Eine weitere Mitarbeiterin des Jugendamts Hamelns soll einen kompletten Absatz aus der Akte gelöscht haben, in dem Wesenszüge von Andreas V. als auffällig beschrieben wurden. Dies hatte die IT-Auswertung ergeben, die den Text rekonstruieren konnte. Im Vermerk von November 2017 sei festgehalten worden, dass Andreas V. immer wieder den Kontakt zu jungen Mädchen suche. Die Mitarbeiterin wurde vom Dienst freigestellt.

Der Hinweise sei "ein eindeutiges Merkmal für Pädophile", sagte Bartels. Dieser Feststellung wären jedoch keine weiteren Handlungen gefolgt. Ein folgenschwerer Fehler, wie sich inzwischen herausgestellt habe. Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter, Einzelheiten dazu könnten wegen des laufenden Verfahrens nicht genannt werden. Die Freistellung der Jugendamtsmitarbeiterin ist nicht die erste personelle Konsequenz aus den Vorgängen um Lügde in der Behörde. Weil er einen Vermerk nachträglich einfügte, ist ein weiterer Jugendamtsmitarbeiter schon länger suspendiert.

Doch damit nicht genug: Alle drei bekannten Hinweise aus dem Jahr 2016 – darunter der besorgte Familienvater Jens R. aus Bad Pyrmont, die Jobcentermitarbeiterin aus Lippe und ein Mitarbeiter der Familienhilfe – seien beim Jugendamt eingegangen. Darüber hinaus habe die Psychologin eines Kindergartens im September 2016 ebenfalls ihr „ungutes Gefühl" geäußert und den Verdacht auf eine pädophile Neigung von Andreas V. ausgesprochen. Dem Hinweis sei nachgegangen worden, doch der Verdacht habe sich nicht erhärtet. Aus Sicht des Jugendamtes konnte der Mann den Verdacht entkräften, wurde aber engmaschig betreut. Die Familienhilfe kam wöchentlich, jedoch schmiss der Träger im April 2018 hin und zeigte eine chronische Kindeswohlgefährdung an. Der Pflegevater müsse Erziehungsseminare besuchen, hieß es. Erst im August 2018 begannen regelmäßige Besuche eines neuen Familienhilfe-Trägers. Vier Monate sei das Pflegekind ohne Betreuung gewesen. Die lange Lücke erklärte Bartels damit, dass es Probleme beim Wechsel und Krankheitsfälle gegeben hätte. Dennoch: "Das hätte nicht passieren dürfen."

Tunnelblick der Mitarbeiter

Auch anderen Hinweisen seien letztendlich nicht sorgsam genug überprüft worden. „Ihnen wurde einzeln nachgegangen, aber sie sind nicht in der Gesamtheit betrachtet worden", sagt Bartels. Das könne möglicherweise am Tunnelblick der Mitarbeiter gelegen haben. Schließlich habe sich Andreas V. auch durchaus kooperativ verhalten.

Andreas V. sei von den Mitarbeitern des Jugenamts als "rheinische Frohnatur" beschrieben worden, der ab und zu "bollerig" reagiere. Pädophile Züge hätte ihm niemand zugetraut, sagt Bartels. "Er hat uns alle getäuscht."

Die Pflegetochter sei inzwischen in einer Einrichtung mit Gleichaltrigen untergebracht und werde dort therapiert. Die Mutter habe laut Jugendamt immer noch das Sorgerecht. Dieses hätte man der überforderten Frau auch nicht so einfach entziehen können, sagt Bartels. "Vor Gericht wären wir wohl gescheitert." Seit 2010 wisse das Hamelner Jugendamt, dass es Probleme in der Familie gegeben hätte. Einen ersten Kontakt mit der Mutter soll es 2014 gegeben haben, weil das Mädchen eine verpflichtende Vorsorgeuntersuchung verpasst hatte. Danach habe es regelmäßigen Kontakt gegeben, den Bartels ebenfalls vorstellte.

"Fatale Fehleinschätzung"

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) sagte gegenüber: "Was den betroffenen Kindern in Lügde angetan wurde, ist bestürzend. Mir ist unverständlich, wie das Jugendamt Hameln-Pyrmont drei Hinweise innerhalb eines halben Jahres falsch würdigen konnte – hier zeigt sich eine fatale Fehleinschätzung."

Der Landkreis Hameln bemühte sich bei der Pressekonferenz am Dienstag um größtmögliche Transparenz und verteilte eine 75-seitige Darstellung mit Aktenauszügen. 376 Seiten umfasst die Akte des Allgemeinen Sozialen Dienstes. Mit der Familie waren der Behörde zufolge zehn bis zwölf Personen in unterschiedlicher Intensität befasst.

Auch das Zusammenspiel mit dem Jugendamt Lippe und der Polizei Lippe sei nicht optimal gewesen, gab Bartels zu. Gerade mit dem Jugendamt aus dem Nachbarkreis hätte die Kommunikation besser laufen müssen. "Jeder hat sich auf den anderen verlassen", sagt Bartels. Der Kreis Lippe könne diesen Vorwurf laut eigenen Angaben nicht nachvollziehen. "Wir sind in diesem Fall im regelmäßigem Kontakt mit dem Jugendamt Hameln-Pyrmont geblieben, sowohl schriftlich als auch telefonisch", teilte Steffen Adams, Pressesprecher des Kreises mit.

In NRW weitet sich das Verbrechen auf dem Campingplatz immer mehr zu einem Behördenskandal aus. Unter anderem verschwanden 155 bei dem Dauercamper sichergestellte CDs und DVDs aus einem Asservatenraum. Mehrere Beamte von der Polizei Lippe wurden bereits versetzt oder suspendiert.

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