Lügde-Prozess: Große Anspannung und eine rätselhafte Wunde

Janet König

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Andreas V. hält sich einen Aktenordner vors Gesicht. Auf seinen Armen sind Spuren einer Verletzung zu sehen. - © Kateryna Akulenko
Andreas V. hält sich einen Aktenordner vors Gesicht. Auf seinen Armen sind Spuren einer Verletzung zu sehen. (© Kateryna Akulenko)

Detmold. Sichtlich geschwächt und abgekämpft betritt Andreas V. den Gerichtssaal 165 – begleitet vom medizinischen Fachpersonal, das im Notfall eingreifen könnte. Denn eigentlich ist der 56-Jährige nicht verhandlungsfähig, der fünfminütige Termin am Freitagmorgen ist dennoch entscheidend. Wäre Andreas V. nicht transportfähig gewesen, hätte der Prozess komplett neu aufgerollt werden müssen.

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Die greifbare Anspannung auf den Fluren des Landgerichts weicht erst in dem Moment, als der Krankenwagen aus dem Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg am Hintereingang vorfährt. „Das rechne ich meinem Mandanten sehr hoch an", sagt Verteidiger Johannes Salmen hinterher. Die Ärzte hätten von diesem Schritt zwar strikt abgeraten, den Transport dann aber doch möglich gemacht.

Woran der 56-jährige Angeklagte genau leidet, bleibt rätselhaft. Immer wieder greift sich der Lügder in die Seite, sackt verkrampft auf dem Stuhl zusammen. Besonders fällt eine striemenhafte Verletzung am linken Unterarm des Angeklagten auf. Gerüchte, nach denen Andreas V. in Haft von anderen Häftlingen angegriffen worden sein soll, weist sein Verteidiger entschieden zurück. „Da ist absolut nichts dran, es gab keinen derartigen Vorfall", sagt Salmen. Möglicherweise habe sich Andreas V. die Wunde durch Kratzen selbst zugefügt.

Das perfide Spiel des Täters

Nur fünf Minuten Verhandlung sind nötig, um das perfide Vorgehen des 56-Jährigen noch ein Stück deutlicher zu machen. Richterin Anke Grudda liest zwei Ebay-Kleinanzeigen vor, mit denen Andreas V. Kontakt zu alleinerziehenden Müttern gesucht haben soll. „Wer ist auch gefangen in seiner Rolle, gilt in der Öffentlichkeit als Exot und bekommt von seinem Leben nichts mehr mit?", steht darin geschrieben. Mit der Anzeige wolle er nach Anschluss für gemeinsamen Unternehmungen suchen, wie „Schwimmen und alles, was Spaß macht", heißt es im Text. Ob sich Mütter tatsächlich gemeldet haben, thematisiert das Gericht nicht.

Auch ein Opfer, das nicht selbst vor Gericht erscheinen möchte, kommt über ein Schriftstück seiner Anwältin zu Wort. Die junge Frau, die gerade mit der Schule fertig ist, habe früher ein gutes Verhältnis zum Angeklagten Andreas V. gehabt, liest die Richterin vor. Schon damals seien die sexuellen Übergriffe dem Mädchen zwar unangenehm gewesen, doch erst in der Pubertät habe die junge Frau die Taten einordnen können. Durch die Berichterstattung in den Medien und die spätere Vernehmung bei der Polizei hätten dann die Albträume begonnen. Das Mädchen habe sich von ihrer Familie zurückgezogen, heißt es weiter. Sie wolle jetzt nur noch mit dem Kapitel abschließen. Für seine Taten solle Andreas V. eine „richtige" Strafe bekommen – keine Bewährungsstrafe, wird aus der Stellungnahme zitiert. Wie lange er in Haft bleiben soll, davon hätte das Mädchen keine Vorstellung.

Damit schließt Grudda die Beweisaufnahme. Andreas V. wird zurück ins Justizkrankenhaus gebracht. Zwei Wochen bleiben dem 56-Jährigen für die Genesung. Dann entscheidet sich, ob der Prozess normal weiterlaufen kann. Sein Verteidiger Johannes Salmen ist optimistisch: „Ich geh davon aus, dass das klappt."

  • Bestenfalls soll laut Landgerichtssprecher Wolfram Wormuth am 15. August wieder gegen beide Angeklagten verhandelt werden - abhängig vom Gesundheitszustand von Andreas V.
  • Die Kammer geht davon aus, dass am letzten angesetzten Verhandlungstag (30. August) noch kein Urteil fallen kann. Danach hat das Gericht laut Wormth zehn Tage Zeit, um das Urteil zu verkünden.
  • Frühestens sei damit Anfang September ein Urteil zu erwarten.  Sollten die Verfahren weitrhin getrennt bleiben, müssten neue Termine anberaumt werden.


Weitere Anklage erhoben

  • Die Staatsanwaltschaft Paderborn hat unterdessen Anklage gegen einen 16-Jährigen erhoben, der im Lügde-Komplex zu den Opfern von Mario S. gehört und später selbst zum Täter geworden sein soll. Das bestätigt dessen Rechtsanwalt Thorsten Fust. Ihm wird vorgeworfen, im Alter von 14 bis 16 drei Kinder einer Paderborner Förderschule missbraucht zu haben.  "Mein Mandant ist mit dem Missbrauch förmlich aufgewachsen und hat das, was ihm widerfahren ist, dann später selbst an Kindern vollzogen", sagt Fust. Der 16-Jährige sei mit zehn Jahren von Mario S. auf dem Campingplatz, in einem Baumarkt und in dessen Keller missbraucht worden. Für den Jungen sei es später wie ein "innerer Druck" gewesen, selbst Taten zu vollziehen. Mehr lesen...

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