Kreis Lippe. Ein Montagmorgen im Dezember, kurz nach halb acht. „Hast du’s in der Gruppe schon gesehen?“ Mit diesem Satz will wohl kein Elternteil von einer Erzieherin begrüßt werden. Denn er verheißt meist nichts Gutes: Mitarbeiter sind erkrankt, die Betreuung nur eingeschränkt möglich. Im Ernstfall müssen Gruppen zusammengelegt oder gar geschlossen werden, manchmal gar eine ganze Kita. Auch im Kreis Lippe. „Wie kann denn das ganze System hier einfach immer zusammenbrechen, wenn ein Mitarbeiter krank ist?“ Ein Vater kann seinen Ärger nicht verbergen, als es heißt, die Kinder sollten möglichst nach dem Mittagessen abgeholt werden. Die Erzieherinnen haben Verständnis, versuchen zu erklären („Es ist ja nicht nur einer“), zu beschwichtigen. „Geht ja auch nicht gegen euch“, er wisse ja um die nicht besonders dicke Personaldecke in den Kitas und die ständigen Schnupfennasen. Immer wieder Engpässe Das zeigen auch die Zahlen des Landesjugendamtes: Die Meldungen über zu wenig Personal in den Einrichtungen haben im vergangenen Kitajahr im Vergleich zu 2023/24 noch einmal zugenommen. Mindestens 309 Mal ging diese aus Lippe heraus beim Landesjugendamt ein, da die Betreuungsqualität beeinträchtigt war oder gar dem Kindeswohl widersprach. Und damit mindestens 69 Mal häufiger als im Vorjahreszeitraum. Mindestens übrigens, weil das Landesjugendamt monatliche Fallzahlen über alle lippischen Kitas bis fünf nicht mehr statistisch erfasst. Allerdings fällt bei den Meldungen nur der August 2024 unter diese Marke. Die meisten Meldungen zu fehlendem Personal in den lippischen Kitas gab es im November (47), gefolgt von Februar (39) und September (37), die wenigsten im August (ohne Angabe), Juli (8) und April (13). Doch auch mit reduzierten Öffnungszeiten, Teil-/ und Gruppenschließungen mussten sich lippische Eltern abfinden ebenso wie mit Schließungen der gesamten Einrichtung. Letztere im Oktober, Januar, Februar, Mai und Juli, allerdings liegen die Fallzahlen jeweils unter fünf. Ob es eine Steigerung im Vergleich zum Kitajahr 2023/24 (17 Schließungen) gab, lässt das Landesjugendamt somit offen. Die Reduzierung der Öffnungszeiten in den Einrichtungen hingegen hat im abgelaufenen Kitajahr (mindestens 143 Mal) im Vergleich zum Vorjahr (136 Mal) zugenommen. Passend dazu: Brückentage: Lippische Kitas planen früh, um Eltern und Personal zu entlasten Träger: „Personalsituation ist angespannt“ Doch was sagen die Träger lippischer Einrichtungen? „Auch im Kitajahr 24/25 hatten wir mit Personalausfällen zu tun“, bestätigt eine Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes Lippe (DRK) als Träger einiger Einrichtungen im Kreis auf Nachfrage. Es gebe immer Spitzen, gerade im Herbst mit den ersten Erkältungswellen. Eine Sprecherin der Arbeiterwohlfahrt OWL (AWO), ebenfalls Träger einiger Einrichtungen im Kreis, ergänzt: „Die Personalsituation ist angespannt.“ Die derzeitige Kita-Finanzierung ermögliche lediglich eine Personalbesetzung gemäß Kinderbildungsgesetz (KiBiz). Heißt so viel wie: keine zusätzlichen Mitarbeiter, um personellen Engpässen vorzubeugen. Trotz aller Bemühungen könne es „durch kurzfristige Erkrankungen zu Engpässen und Ausfällen in den Einrichtungen kommen“ - auch wenn es bei ihnen keine außerplanmäßigen Schließtage im vergangenen Kitajahr gegeben habe. Eine Änderung des Personalschlüssels habe es nicht gegeben, die Träger könnten durch eine neue Personalverordnung mittlerweile aber zur Überbrückung nicht-qualifiziertes Personal, also keine Kita-Fachkräfte im Sinne des Gesetzes, einstellen. Kurzfristig seien aber auch die nicht verfügbar. „Darüber hinaus sind solche Vertretungsstellen insgesamt sehr unattraktiv. Häufig arbeiten wir in solchen Fällen mit Personalagenturen zusammen, was aber natürlich recht kostenintensiv ist“, heißt es vom DRK. Die Kitas arbeiteten daher meist mit einem Notfallplan, der es den Leitungen ermögliche, Anpassungen in der Kita vorzunehmen. Das heißt, es werden Gruppen zusammengelegt, Betreuungszeiten gekürzt oder Eltern tageweise gebeten, Kinder zu Hause zu betreuen. Denn: Krankheitswellen - aktuell mehrere grippale Infekte oder Corona-Fälle, die in Intervallen auftreten - blieben eben unvorhersehbar, wie die AWO betont. Mehr Handlungsspielraum vor Ort Für das kommende Jahr plane die Landesregierung die Reform des KiBiz umzusetzen, wie eine Sprecherin des NRW-Ministeriums für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration auf Nachfrage erklärt. Das Ziel: mehr Verlässlichkeit und Stabilität in der Kindertagesbetreuung. Dazu gehörten unter anderem eine mit mindestens 50 Millionen Euro jährlich unterlegte Personaloffensive und eine dauerhafte Finanzstabilisierung. „Zudem sehen die Eckpunkte eine Entbürokratisierung für die Einrichtungen vor, um das Personal zu entlasten“, heißt es weiter. Die Eckpunkte seien mit Kommunalverbänden, Trägern und Kirchen erarbeitet und sollen nun ins Gesetzgebungsverfahren übergehen, das wiederum im Laufe des kommenden Jahres abgeschlossen werden soll. Außerdem sollen Träger und Kommunen mehr Handlungsspielraum bekommen, um Personal, Betreuungszeiten und Gruppen passgenauer organisieren zu können bei gleichzeitiger Sicherung der Qualitätsstandards. Die AWO begrüße das, allerdings seien in diesem Eckpunktepapier noch viele Fragen offen. Eine Entbürokratisierung unterstütze auch das DRK, „allerdings nur dann, wenn Funktionsfähigkeit und Planungssicherheit erhalten bleiben. Gerade bei den derzeit schwankenden Kinderzahlen muss das System funktionsfähig bleiben und kurzfristige Strukturabbauten müssen vermieden werden“. Lesen Sie auch: Licht und Schatten in den Randstunden: Im NRW-Vergleich schneidet Lippe noch gut ab