Rappelkrug soll kein Denkmal sein

Hartmut Nolte und Jost Wolf

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Der Rappelkrug ist ein Gebäude mit Historie, das nun als Denkmal geschützt werden soll. Doch damit sind die Eigentümer nicht zufrieden. - © Michaela Weiße
Der Rappelkrug ist ein Gebäude mit Historie, das nun als Denkmal geschützt werden soll. Doch damit sind die Eigentümer nicht zufrieden. (© Michaela Weiße)

Lügde/Minden. In einem denkmalwürdigen Haus zu wohnen erscheint reizvoll – von außen. Denkmaleigentümer aber sind trotz öffentlicher Förderung nicht immer damit glücklich. Vor der 9. Kammer des Verwaltungsgerichts Minden ging es jetzt um die Denkmalwürdigkeit des Rappelkruges, ein fast 300 Jahre altes Fachwerkhaus in Rischenau.

Im Jahr 2017 hatte die heutige Eigentümerin das zweistöckige Vierständerhaus mit einem Anbau aus dem 19. Jahrhundert erworben. In so desolatem Zustand, dass 1983 sogar der Abriss drohte. Die Käuferin, durchaus eine große Verfechterin des Kulturgut-Erhalts, will das Ensemble wieder in einen guten Zustand bringen. Aber so, wie sie es für richtig hält.

„Vom anstehenden Denkmalschutz hat mir vor dem Kauf niemand was gesagt”, berichtete sie dem Gericht. Das Haus stand da lediglich in der Liste der Kulturgüter der Stadt Lügde. Doch die Tinte unter dem Kaufvertrag war noch nicht ganz trocken, da wurde vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) ein Prüfverfahren eingeleitet und der ehemalige Rappelkrug vier Monate später, am 4. Januar 2018, in die Lügder Denkmalliste eingetragen. Letztlich wird damit die Pflicht zum Erhalt für die Denkmaleigentümer – für Kommunen ebenso wie für Vereine, Kirchen und Privatleute – auch zur Frage des Geldes.

„Die Tatsache, dass das Haus alt ist, reicht für eine Denkmalwürdigkeit nicht aus"

Doch darum ging es es in dieser Verhandlung nicht, wie Vorsitzender Richter Dr. Christoph Schewe klarstellte. Beklagte war hier die Stadt Lügde, die Eintragung des Rappelkruges in die Liste ihrer 127 geschützten Denkmäler aufheben sollte. Neben der mangelhaften Information führte die Klägerin argumentativ ins Feld, die Stadt habe sich nie um den Zustand des eingetragenen Kulturguts gekümmert – auch nicht nach einer Besichtigung im Jahr 2004. Nie habe die Stadt von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht.

Niemanden habe es gekümmert, dass Balken angesägt, Beton- und Asbestplatten eingebaut wurden. Selbst auf ihren Antrag für eine nötige Dachreparatur habe sie keine Antwort erhalten, sagt die Eigentümerin. Erst nach dem Kauf der Immobilie kam der Denkmalsschutz ins Rollen, kritisierte ihr Prozessvertreter Eberhard Block, selbst 23 Jahre Bürgermeister von Horn-Bad Meinberg, das Verhalten des damaligen Lügder Bürgermeisters.

Im Mai 2018 habe zudem der LWL seine Begründung geändert. Stand zunächst die bauliche Besonderheit – zweistöckiges Ständerfachwerk mit städtischem Charakter in ländlicher Lage – im Mittelpunkt, so seien dann die volkskundliche Bedeutung der historischen Schänke mit wertvollem Interieur im Gastraum und die Türen hervorgehoben worden. Dabei sei das Haus lediglich 28 von fast 300 Jahren Gaststätte gewesen, sonst stets als Wohnhaus genutzt worden. Block: „Und die Tatsache, dass das Haus alt ist, reicht für eine Denkmalwürdigkeit eben nicht aus."

„Behörden sind Dienstleister"

Die Stadt hielt durch ihren neuen Bürgermeister Torben Blome dagegen, sie habe gar nicht anders können. Die Kommune als untere Denkmalbehörde habe nach § 2 des Denkmalschutzgesetzes NRW die Eintragung „im Benehmen mit dem Landschaftsverband von Amtswegen” vorzunehmen. Dem widerspricht Rechtsanwalt Block später auf Nachfrage: „Wenn man das Ziel eines Gesetzes erreichen kann, hat man als Bürgermeister immer Spielräume, um bürgerfreundlich agieren zu können." Ihn enttäusche, dass die Stadt hier nicht partnerschaftlich agiere. Die vorherige Eigentümerin habe man ja nach der ersten Prüfung auf Denkmalwürdigkeit vor 32 Jahren auch in Ruhe gelassen. „Behörden sind Dienstleister. Sie müssen nicht obrigkeitsstaatlich agieren."

Sebastian Heimann, Vertreter des beigeladenen LWL, hob während der Verhandlung die Verpflichtung zum Erhalt bedeutsamer Zeitzeugnisse hervor. Das Land habe seine Fördermittel deswegen gerade von 14 auf 21 Millionen Euro aufgestockt, 12,8 Millionen davon für Baudenkmäler in nichtöffentlicher Hand sowie 2,3 Millionen pauschal für die Kommunen. Man bearbeite jährlich etwa 5000 Förderanträge, nur 25 davon seien streitig. Auch hier sei man prinzipiell kompromissbereit, sagte er, als das Gericht nach einer Beratungspause vorschlug, den Anbau aus dem Denkmalschutz herauszunehmen und über das andere erst nach einer Begutachtung zu entscheiden. Für eine dendrochronologische Untersuchung (Holzaltersbestimmung) könne man aus personellen Gründen aber kein Datum nennen, schränkte der LWL-Vertreter ein. Nur ein neutraler Gutachter könne die Denkmalwürdigkeit unvoreingenommen bewerten, lehnte die Klägerin den Vergleich ab. Sie erkenne die Erhaltungswürdigkeit des fast 300 Jahre alten Hauses an und bemühe sich sachgerecht darum. Aber unter den Bedingungen des Denkmalschutzes habe sie „das Gefühl, das Haus gehört mir nicht”. Rechtsanwalt Block ergänzte: Der Denkmalschutz gehe oft an der Lebenswirklichkeit vorbei. Doch die gesetzlichen Vorgaben stützen die Argumentation der öffentlichen Ansprüche. Der LWL sei als Fachbehörde vor Gericht sehr anerkannt, „doch hier hat er kein Gütesiegel seiner Fachkompetenz abgegeben". Die 9. Kammer wies die Klage ab.

Noch liege ihm die schriftliche Urteilsbegründung nicht vor, sagte Block auf Nachfrage. „Vor Gericht hat meine Mandantin aber schon zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht gewillt ist, diese Entscheidung einfach hinzunehmen." Wenn eine Berufung zugelassen werde, sei die nächste Instanz also ein möglicher Weg. Mit einem partnerschaftlichen Vertrag über eine weitere Ausforschung der Gebäudegeschichte wäre man einverstanden gewesen. Wenn dann der LWL eine Maßnahme als notwendig angesehen hätte, hätte man über die finanziellen Möglichkeiten und mögliche Förderungen reden können.

Information

Rappelkrug


Der gräfliche „Büchsenspänner” Johann Bernd Deppen soll um 1724 den späteren Rappelkrug am Teichweg als Wohnhaus errichtet haben, 1735 kaufte ihm Friedrich Carl August Graf und Edler Herr zu Lippe-Biesterfeld das Haus ab und eröffnete eine Gaststätte. 1763 schenkte er das nun wieder als Wohnhaus dienende Gebäude seinem Hofjäger Johann Herman Gnaden für dessen 36-jährige treue Dienste. Das Schankrecht erlosch. Das zweistöckige Vierständer-Fachwerkhaus mit Krüppelwalmdach steht in einem Wandergebiet.

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