Hannah Arendt, Berthold Brecht und das Judentum in der St.-Michael-Kirche

Knut Dinter

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Die Schauspielerin Brit Dehler, Kirchenmusikdirektor Johannes Vetter, Jörg Düning-Gast, Vorsitzender des Landesverbandes Lippe, Alfons Haselhorst von der Kirchengemeinde St. Michael und die Sopranistin Cornelie Isenbürger (von links) präsentierten einen Abend mit Texten von Hannah Arendt über Bertolt Brecht. - © Knut Dinter
Die Schauspielerin Brit Dehler, Kirchenmusikdirektor Johannes Vetter, Jörg Düning-Gast, Vorsitzender des Landesverbandes Lippe, Alfons Haselhorst von der Kirchengemeinde St. Michael und die Sopranistin Cornelie Isenbürger (von links) präsentierten einen Abend mit Texten von Hannah Arendt über Bertolt Brecht. (© Knut Dinter)

Oerlinghausen. Seit 1700 Jahren haben Juden und Christen in Deutschland eine gemeinsame Geschichte. Dieses vielschichtige, komplizierte Verhältnis wurde am Samstag einmal anders erzählt, am Beispiel zweier Intellektueller. In der St.- Michael-Kirche in Oerlinghausen kamen bei einer musikalisch-literarischen Inszenierung die Philosophin Hannah Arendt und der Dichter Bertolt Brecht zu Wort.

Beide hatten ein eher ambivalentes Verhältnis zu ihrem Glauben. Arendt ging in ihrer eigenständigen Geisteshaltung („Denken ohne Geländer“) auf Distanz zum Judentum. Brecht, protestantisch aufgewachsen, bediente sich der Bibel höchstens als Vorlage für seine eigenen Texte. Beide in St. Michael, einem katholischen Gotteshaus, vorzustellen, sei keineswegs abwegig, sagte Alfons Haselhorst vom Kirchenvorstand. „Das Kreuz in unserer Kirche verweist auf Jesus. Er war Jude und ist in unserem christlichen Verständnis immer Jude geblieben. Da schließt sich der Kreis“, sagte er.

Von Gegensätzen geprägt

Neben ihren philosophischen Schriften veröffentlichte Hannah Arendt auch Reportagen und Aufsätze. In dem Buch „Menschen in finsteren Zeiten“ setzte sie sich auch mit Brecht auseinander. In den von Brit Dehler eindrucksvoll gelesenen Passagen wird nicht nur der persönliche Werdegang, sondern auch sein widerspruchsvolles Werk deutlich.

Einerseits seien seine Theaterstücke und Gedichte kapitalismuskritisch geprägt, andererseits habe er in Ost-Berlin ein angenehmes Leben geführt. Einerseits habe er sich von allzu platten marxistischen Parolen gelöst, andererseits aber die Verfolgung und Ermordung von politischen Abweichlern in der DDR hingenommen. Schon seine Liebschaften habe Brecht gewarnt: „Auf mich könnt ihr nicht bauen.“ Arendt hält ihm zugute, dass er sich zu seiner Unzuverlässigkeit bekannte. „Nichts ist lächerlicher als der Versuch, dem Dichter Moral zu predigen“, schreibt sie. „Der einzige Maßstab ist seine Dichtung.“

„Er hatte die Wahrheit gesagt“

Die Philosophin macht keinen Hehl daraus, dass sie ihn für einen herausragenden Poeten des zwanzigsten Jahrhunderts hält. Die Vertreterin des unabhängigen Denkens sieht in ihm ebenfalls einen Freigeist. Dies komme in dem Lehrstück „Die Maßnahme“ am besten zum Ausdruck. Während die einen ihm vorwarfen, er verherrliche das Kollektiv, hielten ihm andere vor, er vertrete eine von der Partei abweichende Meinung. Mit dem Stück habe er letztlich beide Seiten gegen sich aufgebracht, schreibt Arendt. „Er hatte das getan, was Dichter zu tun pflegen, wenn man sie in Ruhe lässt: „Er hatte die Wahrheit gesagt.“

Im Wechsel zur Rezitation trug die Sopranistin Cornelie Isenbürger von Hanns Eisler und Kurt Weill vertonte Texte Brechts vor. Wie als Beleg für die theoretische Auseinandersetzung kam in der „Ballade von der Judenhure Marie Sander“ und in der „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking“ die mitfühlende und menschenfreundliche Seite Brechts zum Vorschein. Kirchenmusikdirektor Johannes Vetter begleitete die Sängerin am Flügel.

Vetter hatte auch die Idee zu der kulturellen Veranstaltungsreihe „Staunen Lernen Trauern“, die in Zusammenarbeit mit dem Landesverband Lippe bis November in Lemgo, Detmold und Bad Salzuflen fortgesetzt wird.

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