Eltern im Erkältungschaos: "Zwischen Verzweiflung und irrem Lachen"

Anneke Quasdorf

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Schnupfen, Husten, Fieber: Kinderärzte rechnen in diesem Winter mit noch mehr Infekten bei Kindern als gewöhnlich. Eine Hiobsbotschaft für viele Eltern. - © dpa/Andrea Warnecke
Schnupfen, Husten, Fieber: Kinderärzte rechnen in diesem Winter mit noch mehr Infekten bei Kindern als gewöhnlich. Eine Hiobsbotschaft für viele Eltern. (© dpa/Andrea Warnecke)

Bielefeld. Es gibt derzeit eine bestimmte Bewegung meiner Kinder, bei der beginnen sofort alle meine Alarmglocken zu schrillen. Es ist ein Reiben der Nase mit dem Handrücken, energisch und genervt. Ich erstarre dann, innerlich und äußerlich. Dann mutiere ich zur Helikoptermutter, flirre ständig über dem Kind und nerve es mit der immer gleichen, zunehmend ängstlichen Frage: "Kriegst du Schnupfen??!!!" Worauf das Kind zunehmend genervt antwortet: "Boah, Mama, nein, meine Nase juckt doch nur."

Leider juckt die Nase nie nur. Spätestens zwei Stunden später hallen die ersten Niessalven durch unsere Wohnung. Und am nächsten Tag liegt ein verrotztes, klöteriges, jämmerliches Etwas auf dem Sofa.

Wie paradiesisch in dieser Hinsicht der virenfreie Lockdown war. Und wie bitter jetzt die Quittung dafür ist. Denn was alle Ärzte ankündigen, kann ich nur voll bestätigen: Die Immunisierung der Kurzen ist durch die lange Schonzeit dahin, ein Infekt reiht sich an den nächsten. Wir haben jetzt seit Sommerferienende die dritte dicke Erkältung, die auch das ältere und eigentlich schon robustere Schulkind ziemlich ausknockt. Und es ist nicht mal Oktober.

Weitere sechs Monate Ausnahmezustand

Im Bekanntenkreis sieht es nicht besser aus. Quarantänen wechseln sich seit Schulbeginn ab mit Infekten, je mehr Kinder, desto länger zieht sich das Ganze. Eine Freundin überlegte neulich ernsthaft, eine kleine Party zur Feier einer stringent durchgearbeiteten Woche zu veranstalten. Konnte sie dann nicht - das Kind war krank.

Natürlich haben wir alle Routine in Wintern mit kranken Kindern. Trotzdem können die einen wirklich mürbe machen. Und was wir jetzt vor der Brust haben, ist eben nicht nur ein Winter mit kranken Kindern. Sondern nach anderthalb Jahren Corona-Ausnahmezustand weitere sechs Monate, in denen wir Eltern weitab jeder Normalität leben werden. Immer in der Improvisation, immer im Irgendwie.

Es ist ein Gefühl zwischen Verzweiflung, Fatalismus und dem Bedürfnis, laut und irre zu lachen. Weil man nichts tun kann. Weil keiner was dafür kann. Und weil auch eine Million Kinderkranktage nichts daran ändern können, dass Eltern seit anderthalb Jahren nicht mehr belastbar und verlässlich das sein können, was sie auch sind: Arbeitnehmer.

Einfach nur mal wieder den Job machen

Das stresst, macht unruhig. Läuft es richtig mies, bangen viele Eltern um ihren Job oder ihr Standing. Doch auch, wenn der Arbeitgeber voll bis oben hin ist mit Flexibilität und Verständnis, ist die Situation schlichtweg unbefriedigend. Eigentlich möchten wir alle ja nur eins: einfach mal wieder unseren Job machen. Nach Vorschrift. Mit Freude. Und Muße. Nicht nur immer dazwischen gequetscht und drangehängt.

Mein Gefühl sagt mir, dass die Erfahrung des erfolgreichen Homeoffices der vergangenen 18 Monate die Sache nicht besser machen wird, nicht entspannter, nicht leichter. Stattdessen hat man dadurch zwei Möglichkeiten: Ehrlich und offen anmelden, dass das Kind krank ist (schon wieder) und man leider ausfällt (schon wieder). Und anschließend sorgenvoll darüber brüten, ob es wohl gerade ein Problem-Meeting zur eigenen Personalie gibt.

Oder heiter verkünden, dass das Kind krank, dies aber überhaupt kein Problem sei, weil man ja zu Hause arbeiten könne. Und anschließend massiven Raubbau an den eigenen Ressourcen betreiben, weil die Vereinbarung von Job, Kinderbetreuung und Haushalt eben nichts anderes ist als ein Riesenproblem.

Alles tun für starke Nerven

Vermutlich liegt die Lösung, wenn man sie denn als solche verkaufen kann, irgendwo dazwischen. Eins sollte uns aber allen klar sein: Mit zu viel perfekter Performance bei absolutem Ausgebranntsein schießen wir uns auf Dauer gehörig selbst ins Knie.

Darum, liebe Eltern da draußen, liebe Fiebermesser und Rotzabwischer, Dauerbespaßer und Popo-Abputzer: Gönnt Euch! Schokolade, Rotwein, Schaumbäder, zwei Runden Handy-Solitär hinter dem Vorhang, zehn einsame Minuten auf dem Klo. Gönnt Euch so viel Ihr könnt im Rahmen dessen, was möglich ist. Damit die Nerven stark bleiben. Denn ohne Nerven, so viel steht fest, sind wir in diesem Winter alle verratzt. Schon wieder.

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