Lemgo. Eins sei hoffentlich klar: „Es geht nicht darum, sich hier gegenseitig auf die Nase zu hauen!“ Margret Hey lacht. Sie stellt heute gemeinsam mit dem Leiter der Sportschule Tosa Inu, Kai Gutmann, sowie Boxweltmeisterin und -trainerin Beke Bas aus Lemgo ihr neuestes Konzept vor: Boxen gegen Parkinson. Dabei geht es um Technik, nicht um Kampf. Lippeweit möchte sie alle Betroffenen, egal ob jünger oder älter, zu einem kostenlosen Einführungstraining Ende September einladen. Je mehr Erkrankte das Boxtraining ausprobierten, desto besser, freut sich Beke Bas auf eine rege Beteiligung. „Kai und ich kommen als Trainer auch mit großen Gruppen von 20 oder 30 Personen gut zurecht“, sagt die ausgebildete Heilerziehungspflegerin. Gerade Anfängern tue es meist gut, inmitten vieler anderer zu trainieren. „Man fühlt sich dann nicht so unter Beobachtung.“ Ein sicherer Stand Doch warum gerade Boxen? Welche Vorteile bringt es für die von der Nervenkrankheit betroffenen Menschen? „Stürze sind bei Parkinson ein großes Risiko“, erklärt Margret Hey, die seit vielen Jahren Selbsthilfegruppen zu der Erkrankung leitet (siehe Infostück unten). Sie steht auf und demonstriert die verschiedenen Arten, zu stehen. Beide Füße nah beieinander, parallel: Nicht gut, da wenig stabil. Beine etwas weiter als hüftbreit auseinander: Schon besser. Dann nimmt Hey die Ausgangsstellung beim Boxen ein: Hüftbreit - ein Bein vorn, eins weiter hinten: optimale Stabilität. Auch durch das schnelle Verlagern des Körpergewichts und gezielte Fußarbeit wird der Gleichgewichtssinn beim Boxtraining geschult. Eine verbesserte Hand-Auge-Koordination, ein größeres Lungenvolumen, dazu ein effektives Ganzkörper-Workout: Hey, Bas und Gutmann zählen zahlreiche positive Effekte auf, die das Boxen bei Parkinson haben könne. So könne das Training auch die bei Parkinson typische Bewegungsverlangsamung verbessern, da es schnelle Reaktionen und vorausschauendes Denken einübt. Die dreifache Weltmeisterin im Leichtgewicht Beke Bas, die im September ihren letzten Profikampf kämpfen will, hat in der Vergangenheit bereits sowohl für Eben-Ezer als auch für die Lebenshilfe Boxkurse für Menschen mit besonderen Bedürfnissen geleitet. Als Hey sie 2023 auf einen Parkinson-Kurs ansprach, war sie sofort Feuer und Flamme. Allein das Timing stimmte noch nicht. Jetzt, nach dem Ende ihrer Kampf-Karriere, möchte sie sich jedoch noch mehr im gesundheitlichen Bereich engagieren. „Es ist das erste neue Projekt, das ich jetzt angehe. Mein Ziel ist es, dass die erkrankten Menschen mehr Energie und Stabilität für ihren Alltag bekommen.“ Vorbilder in den USA und Deutschland Etwa 800 bis 1000 Personen erkranken laut Schätzungen des Klinikums Lippe jährlich in Ostwestfalen-Lippe an Parkinson, Tendenz steigend. Margret Hey bietet ihre Parkinson-Gruppe seit 2008 an. Dabei geht es um Spiele mit Alltagsmaterialien, Kunst-Workshops und Bewegung zur Musik. „Mit dem Boxen wollen wir den Betroffenen eine andere Methode der Bewegung für ihre Erkrankung vorstellen“, sagt sie. In Schleswig Holstein und Berlin-Brandenburg werde ein solches Training schon mit Erfolg angeboten. Auch in den USA boomt das Thema seit Jahren: Vor allem das Programm „Rock Steady Boxing“ ist wissenschaftlich anerkannt und breit verfügbar. Es gilt als Paradebeispiel für Bewegungstherapie bei neurodegenerativen Erkrankungen. Kostenloser Probetermin Hey möchte vor allem auch jüngere Betroffene ansprechen. Es sei immens wichtig, sich dem Fortschreiten der Krankheit direkt entgegenzustellen. Die Erfolge, die sie in knapp zwei Jahrzehnten als Kursleiterin im Rehasport miterleben konnte, seien enorm. Immer auf der Suche nach neuen Impulsen und Formaten kam sie auf das Boxen. Sie freut sich, dass ihre Idee nun dank der Unterstützung von Kai Gutmann und seiner Sportschule Wirklichkeit wird. Gutmann, Bas und sie wollen die Kursinhalte konkret auf die Teilnehmenden abstimmen. Daher bitten Sie schon jetzt um Anmeldung für die kostenlose „Kick-off“-Stunde am Freitag, 26. September, um 16.30 Uhr. Eine E-Mail an beke.bas@sportschule-tosainu.de genügt. Der Kurs selbst soll jeweils zu diesem Termin stattfinden. Neben all den gesundheitlichen Vorteilen soll er vor allem für soziale Kontakte sorgen - und einfach Spaß machen. „Freude an der Bewegung“, sagt Beke Bas. Und auch Hey nennt ihren Leitsatz: „Raus aus der Isolation.“ Infos & Termine Jede Woche donnerstags um 14.30 Uhr trifft sich die Parkinson-Selbsthilfegruppe Lemgo in den Räumen der Tanzschule Hey an der Herforder Straße 43. Anmeldung erbeten per E-Mail an margret.hey@gmx.de. Für ein neues Reha-Bewegungsangebot sucht Margret Hey noch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die sich mit Tischtennis auskennen. Sie möchte für ihre Parkinson-Gruppen zwei Platten anschaffen und wünscht sich Expertise; zudem könnten Interessierte auch als Betreuer agieren. Die Parkinson-Selbsthilfe Bad Salzuflen trifft sich jeden zweiten Dienstag des Monats um 13.30 Uhr im Café des Tierparks Herford. Für Donnerstag, 21. August, um 16 Uhr lädt Margret Hey zu einem kostenfreien Vortrag zum Thema Inkontinenz in die Tanzschule an der Herforder Straße ein. Dr. med. Britta Eikötter wird Informationen und Tipps geben - viele Menschen mit einer neurologischen Erkrankung wie Parkinson oder Multipler Sklerose sind betroffen.