Kreis Lippe/Lemgo. Ein Vogelnest und einen Fuchsbau haben sie heute schon entdeckt, sagt Henri. Und eine Zikade. Mit Phillip und Merle nimmt der Achtjährige, die Lupe in der Hand, den Boden auf der Streuobstwiese am Lindenhaus in Brake unter die Lupe. „Wir erforschen heute die Tiere der Wiese“, sagt Streuobstpädagogin Vanessa Kowarsch. Die Klasse 3a der Lemgoer Ostschule ist auf dem weitläufigen Gelände unterwegs. Für die 16 Kinder, die an diesem Tag ihr „Klassenzimmer im Grünen – raus auf die Streuobstwiese“ haben, gibt es einige Aha-Erlebnisse. Die Beteiligten wollen das Projekt ausbauen, noch mehr Schulen Ausflüge auf Streuobstwiesen möglich machen. Wobei das Projekt der Biologischen Station schon jetzt viele Schüler erreicht: 21 Klassen von 12 Grundschulen aus Lemgo, Lage, Bad Salzuflen, Kalletal, Schieder-Schwalenberg, Detmold und Lügde unternehmen über das Jahr verteilt vier bis sechs Ausflüge auf Streuobstwiesen. Derzeit fünf Streuobstpädagoginnen – neben Vanessa Kowarsch sind es Anne Stoppe, Annette Cabron, Morgaine Krüger und Leyla Meijer – bringen den Kindern jeweils einen Vormittag lang Natur und Umwelt näher. Projektbeteiligte sind neben dem Rolfschen Hof und dem Finanzier LWL-Naturfonds auch die Lemgoer Gruppe des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) mit ihren Streuobstwiesen am Lindenhaus und in Kirchheide sowie der Naturpark Teutoburger Wald/Eggegebirge und der Lippische Heimatbund als Hauptförderer. Er unterstützt das Projekt jedes Jahr mit 10.000 Euro. „Wir würden es gerne flächendeckend anbieten, wenn sich genug Wiesen finden. Weitere Schulen können sich gerne melden“, sagen Jürgen Georgi, stellvertretender Vorsitzender des BUND Lemgo, und Michael Gerd Schnittger, Leiter der Fachstelle Schule, Kinder, Jugend beim Lippischen Heimatbund. Nur eine Viertelstunde entfernt Die Streuobstwiesen liegen fast immer in der Nähe. Die Drittklässler waren von der Ostschule aus nur etwa eine Viertelstunde zu Fuß unterwegs, für die Kirchheider Grundschüler ist der Weg noch kürzer. Auch die OGS-Kinder der Grundschule am Schloss in Brake haben es nicht weit. Und dass sie für jede Schule in Lippe eine nahegelegene Streuobstwiese entdecken wird, daran hat Kowarsch kaum einen Zweifel: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden wir eine Wiese finden.“ Denn: „Es geht bei dem Projekt auch darum, die alte Obstbaumkultur kennenzulernen. Streuobstwiesen gab es früher in jedem Ort“, sagt Schnittger. Für die Schüler – stets Zweit- und Drittklässler – sei es spannend, auf die Suche nach solchen alten Wiesen zu gehen. Vielfach hätten auch die lokalen Heimatvereine das Thema für sich entdeckt, könnten helfen, so dass mit den Schulen Projekte zu generationenübergreifendem Lernen entstehen könnten. Die Streuobstwiesen dienten einst auch der Obstversorgung der Bevölkerung, sagt Georgi. Das Schulprojekt habe den positiven Nebeneffekt, die alten Wiesen zu erhalten. Denn die vielfältigen Biotope sind nicht nur Lebensraum für Tiere und Pflanzen, sie bieten auch viele Möglichkeiten für die Kinder, mit der Natur in Kontakt zu kommen. Am Lindenhaus haben die 16 Kinder der Klasse 3a sich unter anderem mit Käfern und Spinnen beschäftigt. „Dinge, die manchen sonst vielleicht einen Schreck einjagen, finden sie jetzt richtig cool“, sagt Kowarsch. Am Anfang unternehmen die Projektleiterin und die anderen „Wiesenfrauen“ mit den Kindern eine Rallye über die jeweilige Streuobstwiese. Kinder forschen, spielen und erleben die Natur mit allen Sinnen im Wechsel der Jahreszeiten, machen in der Erntezeit im Herbst aus Äpfeln und anderen Früchten mit der Presse Saft. Gibt es einen Wintertermin, stellen sie Vogelfutter her. Auch mit Handicap Klassenlehrerin Carina Hornig lobt: „Die Kinder kommen nicht nur an die frische Luft, das Projekt ist auch für die Klassengemeinschaft gut.“ Nicht zuletzt ist es auch ein Faktor bei der Inklusion, denn wie heute sind immer mal wieder Kinder mit Handicap dabei – auch mit Rollstuhl kann man auf der Streuobstwiese unterwegs sein. „Die Kinder haben sehr gut gelernt, sich zu unterstützen“, sagt Kowarsch. Seit den Anfängen im Jahr 2017 haben 3000 bis 4000 Grundschüler teilgenommen, schätzt sie. Der Heimatbund hat seit 2022 allein 1000 von ihnen die Teilnahme ermöglicht. Die Schulen zahlen zwischen 600 und 900 Euro pro Durchgang. Bei zahlreichen Klassen finanziert der Heimatbund zwei Drittel davon. Das Projekt lebe auch dank des Engagements der Lehrkräfte, die das Projekt begleiten und es mit dem Unterricht verzahnen, betont Georgi. Und es habe Effekte: „Es ist schön zu sehen, wie manche Kinder ihre Angst vor Insekten im Laufe des Projekts verlieren.“ Kowarsch bestätigt: Wenn Kinder sonst vielleicht schreien, wenn sie Wespe sehen, gelinge es ihnen hier, solch ein Tier vorsichtig einzufangen und zu erforschen. Nicht nur die Wespe habe das gut überstanden – auch die Menschen: Es sei noch nie ein Kind gestochen worden. Weitere Informationen gibt es per E-Mail an v.kowarsch@biologischestationlippe.de