Stadtgeschichte: Radio-Kreise trotzen den Nazis

Horst Biere

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Wahlkampf 1933: Auf dem Oerlinghauser Marktplatz versammeln sich die Bürger vor den letzten freien Wahlen um einen SPD-Redner. Doch Ende Januar 1933 siegten in Deutschland die Nationalsozialisten.  - © Repro: Horst Biere/Quelle: Arch. Freilichtmuseum
Wahlkampf 1933: Auf dem Oerlinghauser Marktplatz versammeln sich die Bürger vor den letzten freien Wahlen um einen SPD-Redner. Doch Ende Januar 1933 siegten in Deutschland die Nationalsozialisten.  (© Repro: Horst Biere/Quelle: Arch. Freilichtmuseum)

Oerlinghausen. Deutschland in den Kriegsjahren 1943/44. Die militärische Lage verschlechterte sich rasant. Es gab hohe Verluste an allen Fronten. Längst hatten die Alliierten die Lufthoheit über dem Reich übernommen und flogen jede Nacht Bombenangriffe auf deutsche Städte. Es regte sich versteckter Widerstand. Doch wer sich gegen die Nazis stellte, hatte mit der Todesstrafe zu rechnen.

Heimlichen Widerstand gab es auch in Oerlinghausen. „Im Haus eines guten Bekannten, eines Zigarrenmachers an der Hauptstraße, damals Adolf-Hitler-Straße", erinnert sich Heinz Risse, „fanden während des Krieges an vielen Abenden Treffen von einigen Freunden statt. Man hörte in der Zigarrenwerkstatt hinten im Gebäude den britischen ‚Feindsender‘ BBC ab." Dort konnte man die Wahrheit über die Kriegslage erfahren und auch, wohin in dieser Nacht die alliierten Bomberverbände flogen.

„Wenn die Zielgebiete weit entfernt lagen", sagt Heinz Risse, „verriet oftmals ein Freund seiner Frau: Diese Nacht können wir ruhig schlafen, Bielefeld ist nicht dabei." Der heute 92 Jahre alte Heinz Risse, der 1944 zum Kriegsdienst eingezogen wurde, erzählt: „Das wurde hinter vorgehaltener Hand nur in der Familie erzählt. Wäre der Radio-Kreis noch in der Nazi-Zeit entdeckt worden, hätte es hohe Gefängnisstrafen oder gar den Tod bedeutet."

Ein schlimmes Ende dagegen nahm es mit einem anderen Radio-Kreis, zu dem der als Kommunist verfolgte Eduard Berke gehörte. Bereits unmittelbar nach der Machtergreifung 1933 hatten die Nazis Eduard Berke mit vielen anderen Mitglieder der SPD und der Kommunistischen Partei verhaftet und in „Schutzhaft" genommen. „Berke war ein bekannter Funktionär der KPD in Oerlinghausen", schreibt der Historiker Jürgen Hartmann im Oerlinghauser „Erinnerungsbuch". Seit 1920 war er Vorsitzender der KPD-Ortsgruppe Oerlinghausen, zu der auch Asemissen und Lipperreihe gehörten. „Man machte Berke, der mit seiner Familie im Wellenbruch lebte, wegen ‚Vorbereitung zum Hochverrat‘ den Prozess und verurteilte ihn 1934 zu fast eineinhalb Jahren Zuchthaus", recherchierte Hartmann.

Nach seiner Entlassung Ende 1935 stand Eduard Berke, der nun als Schleifer bei Firma Benteler in Bielefeld arbeitete, unter Beobachtung der Behörden. Er verhielt sich jedoch unauffällig und wurde von seinen Vorgesetzten sogar als tüchtiger Arbeiter eingestuft. Oerlinghausens NS-Bürgermeister Friedrich Möller allerdings nahm Eduard Berke einen Wandel in seiner politischen Gesinnung nicht ab und schrieb in einer Beurteilung: „Ich habe Berke immer für den gefährlichsten Kommunisten gehalten (...). Er schickt seine Kinder zwar in die Hitlerjugend und lässt sie sogar HJ-Uniformen tragen. Er selbst bekümmert sich jedoch um nichts und verhält sich völlig neutral." Er würde sich sicherlich „aufhetzerisch" betätigen, wenn sich die Möglichkeit bieten sollte.

„In Bielefelder Betrieben, wie auch bei Benteler, bildeten sich in den Kriegsjahren ebenfalls diverse Radio-Kreise, die heimlich ausländische Sender abhörten", das fand Historiker Hartmann heraus. Eduard Berke gehörte im Jahr 1942 ebenfalls zu einem solchen Kreis, gemeinsam übrigens mit seinen Nachbarn vom Wellenbruch, Gustav Meier und Richard Hoffmann.

Der Informationskreis flog auf, weil zwei Heeper Ehepaare sich in einer anderen Ermittlung gegenseitig des Abhörens von Feindsendern bezichtigten und dabei der Gestapo (Geheime Staatspolizei) noch eine Liste von weiteren Radiohörern lieferten – auf denen auch die Namen der Oerlinghauser Eduard Berke, Gustav Meier und Richard Hoffmann standen.

Jürgen Hartmann schreibt: „Berke wurde am 26. Januar 1943 vor dem Bielefelder Bahnhof verhaftet und in das Gestapo-Gefängnis in der Turnerstraße eingeliefert." Der berüchtigte Bielefelder Gestapo-Ermittler Karl Kaufmann verhörte Eduard Berke. Bei diesen Vernehmungen wurde er offenbar mehrfach schwer misshandelt.

Zusammen mit sieben weiteren Beteiligten aus Bielefeld, Heepen und Oerlinghausen wurde Eduard Berke im November 1943 der Prozess gemacht. Doch nur gegen Berke und ein Ehepaar aus Brönninghausen verhängte man die Höchststrafe, Tod durch das Fallbeil. Jürgen Hartmann schreibt: „In der Begründung heißt es: Eduard Berke war schon vor der Machtübernahme kommunistischer Funktionär (...). In einer Zeit, wo draußen die Besten im Kampf gegen den Bolschewismus fallen, kann auf derartige Wühler und Hetzer im Inlande, wie es der Angeklagte ist, keinerlei Rücksicht genommen werden."

Ein Gnadengesuch seiner Frau lehnte der Reichsjustizminister ab. Ein weiteres Gnadengesuch seines Sohnes Fritz Berke, der an der Ostfront stand, kam zu spät, denn Eduard Berke wurde am 4. Januar 1944 in einem Dortmunder Gefängnis hingerichtet.

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