Salzufler Mediziner sagt: „Geht raus und bewegt euch“

Nadine Uphoff

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Zwei Frauen beim Nordic Walking in einem Waldstück. - © Symbolfoto: Pixabay
Zwei Frauen beim Nordic Walking in einem Waldstück. (© Symbolfoto: Pixabay)

Bad Salzuflen/Kreis Lippe. Schwimmbäder und Fitnessstudios haben geschlossen, Sport im Verein fällt aus – gleiches gilt für Gesundheitskurse wie die von „Präventio", dem Salzufler Verein für ganzheitliche Gesundheitsförderung und Rehabilitationssport. Der erste Vorsitzende, Dr. Eckhard Schreiber-Weber, kennt die Probleme, die das mit sich bringt – auch aus seiner eigenen Praxis für naturheilkundliche Medizin. Für die Zeit des Lockdowns hat er daher einige Tipps parat.

Herr Schreiber-Weber, welche gesundheitlichen Folgen haben die Corona-Pandemie und ihre Schutzmaßnahmen langfristig für die Bevölkerung?

Eckhard Schreiber-Weber: Professor Dr. Christoph Breuer von der Sporthochschule in Köln hat dazu etwas Wichtiges gesagt, was auch ,Präventio’ bewegt: Je länger Sportvereine ihrem Zweck nicht nachkommen dürfen, desto schwächer wirken sie als stabilisierendes Element der Gesellschaft. Es geht sozialer Kitt verloren, der gerade in einer individualisierten Zuwanderungsgesellschaft von Bedeutung ist. Damit treffen die Folgen nicht nur die Vereinsmitglieder sondern die gesamte Gesellschaft.

Welche Konsequenzen hat das aus medizinischer Sicht?

Schreiber-Weber: Wenn die Bewegung wegfällt, hat das viele Konsequenzen. Beweglichkeit und Kondition werden weniger, Schmerzen hingegen mehr. Ich hatte zum Beispiel in meiner Praxis eine Patientin mit Rheuma. Sie ist Ende 40, hat lange unter der Krankheit gelitten und macht daher seit Jahr und Tag Rehasport bei ,Präventio‘. Das habe ihr unglaublich gutgetan. Aber jetzt fällt der Sport flach. Sie habe nun mehr Schmerzen und könne sich schlechter bewegen. Sie tue zwar privat etwas, aber der angeleitete Sport einmal die Woche fehle ihr. Das ist ein großer Faktor, den wir oft unterschätzen.

Wie meinen Sie das?

Schreiber-Weber: Ich glaube, das Erfolgsrezept von Rehabilitationssport ist: Einmal die Woche angeleitet in einer Gruppe Sport auszuüben, der einem Spaß macht. Freude an der Bewegung ist das Wichtigste. Und diese bieten Sportvereine und Rehasport. Wenn das wegfällt, ist das auch für die Psyche ein Einschnitt. Dann sind die Lust und der Antrieb nicht mehr da.

Ich habe gehört, es würde helfen, mindestens 20 Minuten am Tag spazieren zu gehen.

Schreiber-Weber: Ja, das ist richtig. Viele Patienten in der Praxis bestätigen mir aber, dass sie sich seit Corona weniger bewegen. Es habe ja alles zu. Man könnte die Spielräume aber einfach besser nutzen.

Eckhard Schreiber-Weber ist Vorsitzender des Vereins Präventio und Allgemeinmediziner. - © NadineMarga
Eckhard Schreiber-Weber ist Vorsitzender des Vereins Präventio und Allgemeinmediziner. (© NadineMarga)

Wie denn?

Schreiber-Weber:Viele bewegen sich auch ohne Anleitung. Andere brauchen sie zwar, aber in der Zeit, in der sie die nicht haben können, sage ich allen: Die Natur ist nicht geschlossen. Also geht raus und bewegt euch. Es hat sich bewährt, wenn man das institutionalisiert.

Können Sie das näher erläutern?

Schreiber-Weber: Das ist ein wichtiger Trick. Wenn man sich vornimmt, sich jeden Tag möglichst zur gleichen Uhrzeit eine halbe Stunde zu bewegen, ist das für die Kondition vielleicht noch nicht so viel, aber für die Psyche schon. Das ist eine kleine Schwelle, da muss man nicht viel machen. Man kann walken, Nordic Walking machen, joggen, Spazieren gehen, Fahrrad fahren, die Natur genießen. Möglichst auch – soweit es die Regeln in der Pandemie erlauben – mit anderen. Dazu ermutige ich meine Patienten. Ich laufe zum Beispiel seit 20 Jahren mit Freunden zwei Mal die Woche immer zur gleichen Zeit. Jetzt machen wir das eben in Zweiergruppen. Ich merke selbst, dass mir das gut tut. Ich appelliere aber auch an die Menschen, die Möglichkeiten, die es gibt, mehr zu nutzen.

Zu Hause gibt es ja auch Möglichkeiten.

Schreiber-Weber:Ja, viele haben daheim ein Ergometer, einen Crosstrainer oder ein Laufband. Das kann man gut regelmäßig machen – auch vor dem Fernseher.

Was halten Sie von Online-Kursen?

Schreiber-Weber:Sie ersetzen nicht den Kontakt in der Gruppe, aber es ist besser, als daheim nichts zu tun. Es ist keine schlechte Idee, wenn man einen Computer hat und sich nach Anleitung bewegt.

Das heißt, die Teilnehmer brauchen keine Angst zu haben, etwas falsch zu machen?

Schreiber-Weber: Das kommt darauf an. Wenn ich jetzt eine schwere orthopädische Erkrankung habe oder eine frische Fraktur, dann ist das sicher nicht das Richtige. In unseren Kursen lernen die Teilnehmer immer: Jeder soll nur das tun, was er kann. Ich glaube, das kann man zu Hause genauso umsetzen. In meinen Vorträgen weise ich immer auf das Ergebnis einer Studie hin: Bewegung ist nur dann für das Immunsystem gut, wenn sie Spaß macht.

Apropos Stärkung des Immunsystems. Das funktioniert aber doch nicht nur mit Bewegung, oder?

Schreiber-Weber: Es geht auch über Kneipp’sche Anwendungen und natürlich über die Ernährung. Ich bin aber immer vorsichtig bei Aussagen wie: ,Du musst das essen und das darfst du gar nicht essen.‘ Wie bei der Bewegung, muss das Essen primär gut schmecken. Lustvoll essen ist im Lockdown besonders wichtig. Also nicht unbedingt viel und vor allem nicht nebenbei, sondern das Essen mehr zelebrieren. Kein Fernsehen dabei schauen, kein Radio hören, sondern mit dem Partner essen oder eine Kerze auf den Tisch stellen. Sich mit Liebe etwas Kochen und Zeit nehmen fürs Essen ist angesagt. Natürlich hat die Auswahl auch einen Einfluss. Da gelten die allgemeinen Regeln: Viel Obst und Gemüse, weniger Zucker und rotes Fleisch.

Viele Menschen haben durch den Lockdown mehr Zeit fürs Essen.

Schreiber-Weber: Obwohl eine Mutter mit ihrem zwölfjährigen Sohn neulich zu mir kam und meinte, bei Corona sei das schwierig. Der Wecker klingele nicht, man gehe später ins Bett und schlafe länger. Diese Familie hat daher nicht mehr vernünftig gefrühstückt. Ich habe der Mutter aufgegeben, sie solle ihre Struktur beibehalten und zur selben Zeit wie immer mit ihrem Sohn aufstehen.

Struktur ist also wichtig?

Schreiber-Weber: Ja – auch für Arbeit im Homeoffice.

Stichwort Homeoffice: Nicht alle besitzen zuhause einen gut ausgestatteten Arbeitsplatz mit ergonomisch geformtem Bürostuhl. Sind da Haltungsprobleme nicht programmiert?

Schreiber-Weber: Ja, ich glaube Rückenprobleme nehmen zu. Denn im Büro steht man auch mal auf, spricht mit Kollegen und hält mit ihnen einen kleinen Plausch. Zuhause fällt das weg. Ich glaube zwar, dass das Homeoffice Vorteile hat, aber die Anforderungen an einen selbst, sich zu bewegen sind höher – und das ist nicht zu unterschätzen.

Merken Sie in Ihrer Praxis, dass Patienten sich derzeit scheuen zum Arzt zu gehen aus Angst vor dem Coronavirus?

Schreiber-Weber: Im ersten Lockdown hatten wir anfangs tatsächlich nur wenige Patienten, aber das hat sich gebessert. Heute haben wir wieder einen relativ normalen Betrieb. Aber viele sagen trotzdem, sie wollen nicht kommen wegen Corona. Wenn ich Krankengymnastik verordne, denken einige auch, die Praxen hätten zu. Das stimmt nicht. Nur wenige Praxen haben zu oder ihre Zeiten eingeschränkt. Wir haben ja ganz klare Hygieneregeln. Von daher glaube ich, sind viele Ängste unbegründet und nicht rational. Ich würde den Erkrankten raten, zumindest erst einmal beim Arzt anzurufen und zu fragen, ob sie mit dieser Beschwerde kommen sollen oder zu Hause bleiben dürfen. Wir können ja derzeit Leute krankschreiben, ohne dass sie kommen müssen. Das ist eine Erleichterung. Vieles geht auch am Telefon, aber zu einigen Patienten sage ich auch, dass ich sie sehen muss.

Es kann bei der ein oder anderen Beschwerde vielleicht auch gefährlich sein, den Arztbesuch hinauszuzögern.

Schreiber-Weber: Genau. Und neben der rechtzeitigen Therapie ist auch die Prävention sehr wichtig. Gerade in diesem Hinblick ist ein Arztbesuch sinnvoll.

Information

Persönlich

Dr. Eckhard Schreiber-Weber ist 67 Jahre alt und lebt mit seiner Frau in Bad Salzuflen. Das Paar hat zwei erwachsene Kinder. Schreiber-Weber ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren, Badearzt und Ernährungsmediziner. Seine Spezialgebiete sind Gesundheitsförderung und Prävention. Er engagiert sich seit 25 Jahren im Verein für ganzheitliche Gesundheitsförderung und Rehabilitationssport „Präventio" mit rund 200 Mitgliedern. Im Kursprogramm gibt für jeden Teil des Körpers spezielle Angebote. Aufgrund des Infektionsgeschehens können derzeit allerdings keine Kurse stattfinden. Die Internetseite des Vereins befindet sich im Umbau. Kontakt per Mail an kontakt@praeventio-ev.de oder mittwochs von 10 bis 12 Uhr unter Tel. (05222) 96296592.

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