Idyllisch liegt der Campingplatz „Eichwald“ im Weserbergland. Doch der Schein trügt. Hier sind mindestens 31 Kinder über Jahre hinweg sexuell missbraucht und gefilmt worden. Im Juni könnte der Prozess beginnen. - © Torben Gocke

Lügde
Tatort Elbrinxen - Eine Chronik des Verbrechens

Idyllisch liegt der Campingplatz „Eichwald“ im Weserbergland. Doch der Schein trügt. Hier sind mindestens 31 Kinder über Jahre hinweg sexuell missbraucht und gefilmt worden. Im Juni könnte der Prozess beginnen. (© Torben Gocke)

Lügde-Elbrinxen. Vor Wochen nur ein kleines Dorf im lippischen Südosten, heute Schauplatz tausendfachen Kindesmissbrauchs – und Beispiel eines totalen Behördenversagens.

Über etliche Jahre hinweg soll der 56-jährige Dauercamper Andreas V. auf dem Campingplatz „Eichwald" mindestens 31 Kinder sexuell missbraucht und für den Dreh von Kinderpornos benutzt haben – dabei hatte er Unterstützer, allen voran laut Staatsanwaltschaft Mario S. (34). Erst nach und nach kommt das ganze Ausmaß des Skandals ans Licht. Schon viel früher hatte es Hinweise gegeben.

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Ein Vater und eine Mitarbeiterin des Jobcenters Lippe meldeten 2016 den Verdacht auf sexuellen Missbrauch bei der Polizei in Blomberg, doch nichts passierte. Gegen die Polizisten wird nun wegen Strafvereitelung ermittelt. Ihnen wird vorgeworfen, mit den Hinweisen nicht sachgerecht umgegangen zu sein. Seit kurzem steht fest: Ein erster Missbrauchsverdacht gegen Andreas V. ist schon auf das Jahr 2002 in einer Tabelle der Polizei Lippe vermerkt. Warum die Spur damals nicht verfolgt wurde, lässt sich laut Staatsanwaltschaft nicht mehr nachvollziehen. Einen weiteren Hinweis hatte es 2008 gegeben.

Der mutmaßliche Kinderschänder konnte unbehelligt mit seinem Pflegekind in seiner Baracke auf dem Campingplatz hausen. Gegen zwei Mitarbeiter der Jugendämter Lippe und Hameln-Pyrmont und weitere eines Pflegekinderdienstes laufen Verfahren – sie sollen ihre Fürsorgepflicht gegenüber dem heute achtjährigen Mädchen verletzt haben.

Der Fall „Eichwald" weitet sich immer mehr zum unfassbaren Behördenskandal aus, mit dem sich inzwischen auch die Landesregierung befasst. Die Polizei in Lippe bekleckert sich dabei ganz und gar nicht mit Ruhm: Erst werden Hinweise ignoriert, dann wird ausgerechnet ein Polizeischüler mit der Auswertung der Daten beauftragt, wichtiges Beweismaterial geht verloren, und auch am Tatort selbst wird schlampig ermittelt. Dafür rollen Köpfe, Lippes Kripo-Chef und der Polizeidirektor müssen gehen. Eine anscheinend endlose Geschichte – ein Zwischenstand.


Wer ist Andreas V.?

Doch nicht unser Addy", dachten sich viele, als sie zum ersten Mal von den schweren Missbrauchsvorwürfen gegen Andreas V. hörten. Als „freundlich und hilfsbereit" wird der 56-jährige Hauptverdächtige von Nachbarn und Mitcampern beschrieben. Ein ruhiger Typ, sagt sein Umfeld. Einer, der alles für Kinder getan hätte. Ausflüge, Ponyreiten, Schwimmbadbesuche – Andreas V. schuf ein wahres Kinderparadies. Keiner schien etwas Böses zu ahnen.

Seit etwa 30 Jahren lebt Andreas V. auf seiner Parzelle in Elbrinxen. Vor zwei Jahren musste sich der Mann zusätzlich eine feste Adresse zulegen - seit 2016 ist es nicht zulässig, seinen Hauptwohnsitz auf einem Campingplatz zu haben. - © Vera Gerstendorf-Welle
Seit etwa 30 Jahren lebt Andreas V. auf seiner Parzelle in Elbrinxen. Vor zwei Jahren musste sich der Mann zusätzlich eine feste Adresse zulegen - seit 2016 ist es nicht zulässig, seinen Hauptwohnsitz auf einem Campingplatz zu haben. (© Vera Gerstendorf-Welle)


„Dieser Mann muss zwei Gesichter gehabt haben", sagt ein Camper. „Er war immer so liebevoll mit den Kindern." Doch in der chaotischen Baracke am Rande des Platzes, die der Tatverdächtige seit dem Tod seiner Eltern vor zehn Jahren zerfallen ließ, soll der 56-Jährige über Jahre tausendfachen Kindesmissbrauch begangen haben. Unter den Geschädigten ist auch sein inzwischen neunjähriges Pflegekind, das der 56-Jährige als Lockvogel benutzte, um Kontakte zu anderen Kindern aufzubauen. Schon als Baby sei das Mädchen oft bei ihm gewesen, da die drogenabhängige Mutter sich nicht um ihre Tochter sorgen konnte. Seit 2016 lebte das Kind bei Andreas V., ein Jahr später gab es vom Jugendamt Hameln-Pyrmont die offizielle Pflegschaft dazu.

Trotz regelmäßiger Besuche des Familiendienstes flog der Missbrauch nie auf. Es gab wohl keine konkreten Hinweise. Im Gegenteil: Das Kind blühte förmlich auf, sagen Nachbarn und Jugendamt. Seit 30 Jahren lebt der 56-Jährige schon auf dem Campingplatz. Seine Familie stammt aus Duisburg, war früher viel mit dem Wohnmobil unterwegs und strandete letztendlich in Elbrinxen. Für die Staublunge des Vaters war das der erholsamste Ort, erzählt man sich. Die Mutter von Andreas V. wird immer wieder als gute Seele des Platzes beschrieben, die immer ein offenes Ohr hatte und mit den Kindern oft Stockbrot über dem Feuer machte. Viel Geld steckte die Familie in ihr Domizil, das nun völlig heruntergekommen ist. Eine Freundin hatte Andreas V. nie. „Mit Frauen konnte er nichts anfangen", heißt es.

In dem Häuschen von Anreas V. hängen zahlreiche Kinderzeichnungen. Viele davon offenkundig von seiner Pflegetochter. - © Bernhard Preuss
In dem Häuschen von Anreas V. hängen zahlreiche Kinderzeichnungen. Viele davon offenkundig von seiner Pflegetochter. (© Bernhard Preuss)


Andreas V. hat mal Tischler gelernt, doch seine Lehre brach er ab, sagt ein Verwandter. Zwischendurch habe er sich im Ruhrgebiet mit Kurierfahrten über Wasser gehalten und eine Zeit lang als Lkw-Fahrer gearbeitet. Seit er auf dem Campingplatz lebt, mähte Andreas V. dort Rasen oder half mit kleineren Arbeiten.

Wer ist Mario S.?

Mario S. wird als „der große, nette Junge" beschrieben. Der 34-Jährige hatte seit etwa vier Jahren eine Parzelle am äußeren Rand des Campingplatzes „Eichwald", etwa fünf Minuten Fußweg von der Behausung von Andreas V. entfernt. „Er war sehr unauffällig", sagt Campingplatzbetreiber Frank Schäfsmeier. Ein Auto hatte Mario S. nicht, er fuhr ständig mit seinem Roller nebst Anhänger durch die Gegend – auch zu seinem 20 Kilometer entfernten Zuhause.

Vor einigen Jahren hat sich auch Mario S. eine Parzelle auf dem Campingplatz besorgt. Sie liegt allerdings auf der anderen Seite des Platzes. - © Bernhard Preuß
Vor einigen Jahren hat sich auch Mario S. eine Parzelle auf dem Campingplatz besorgt. Sie liegt allerdings auf der anderen Seite des Platzes. (© Bernhard Preuß)


Zwar habe er mit Mitte 30 noch bei seinen Eltern in einem Mehrfamilienhaus in Steinheim gelebt, ein klassischer Einzelgänger sei er aber nicht gewesen, sagt eine Verwandte. Er habe soziale Kontakte gehabt und sei integriert gewesen.

Er sei „sehr einfach gestrickt", sagt die Verwandte. Er wuchs in Steinheim auf, absolvierte die Förderschule und anschließend eine staatlich geförderte Ausbildung zum Maler. Allerdings habe er niemals in dem Beruf gearbeitet. Stattdessen säuberte er in einem örtlichen Supermarkt die sanitären Anlagen, betreute Toilettenwagen und half beim Aufbau bei öffentlichen Veranstaltungen. Nach Behördenangaben war er arbeitslos. Seine Verwandte beschreibt ihn als handwerklich geschickt: „Er hat im Keller ständig Fahrräder repariert."

Mit einem Anhänger und einem Rasenmäher soll Mario S. Kinder über den Campingplatz chauffiert haben. - © Bernhard Preuß
Mit einem Anhänger und einem Rasenmäher soll Mario S. Kinder über den Campingplatz chauffiert haben. (© Bernhard Preuß)


Eltern hätten ihre Kinder arglos zu ihm geschickt: „Er war doch nach außen immer fröhlich, wenn auch nach innen verschlossen." Auch auf dem Campingplatz zeugen etliche Fahrräder, darunter viele Kinderräder, von seinem Faible. Mit einem Aufsitzrasenmäher mit Anhänger soll er die Kinder über den Platz gefahren haben. Eine Freundin habe er nie gehabt. Dass er sich immer zu Kindern hingezogen fühlte und die sich zu ihm, hätte niemanden aufmerken lassen. Zumal er dabei niemals anzüglich geworden sei, so die Verwandte, die selbst Kinder hat. Er sei ja selbst wie ein großer Junge gewesen: „Sehr hilfsbereit – und so lieb."

Wer ist Heiko V.?

Der 48-jährige Handwerker aus Stade ist am 10. Januar 2019 in seiner Wohnung festgenommen worden. Er soll Andreas V. über das Internet kennengelernt haben. Ihm wird bisher vorgeworfen, im Jahr 2010 und 2011 an zwei Videochats teilgenommen zu haben, in denen ein zehnjähriges Mädchen missbraucht wurde. Das Kind sei ihm von Andreas V. förmlich angepriesen worden. Heiko V. bestreitet, dem Peiniger Anweisungen gegeben zu haben. Eine Einladung, nach Lippe zu kommen, um sich die Kinder anzusehen, habe er abgelehnt, es sei ihm „zu heiß" gewesen. Auch bei ihm hat die Polizei Kinderpornos gefunden.

Die übrigen Beschuldigten

Eine Person steht unter dem Verdacht der Strafvereitlung. Ihr wird vorgeworfen, zwischen Dezember und Anfang Januar Daten für den mutmaßlichen Täter Mario S. gelöscht zu haben. Außerdem wird gegen einen 16-Jährigen ermittelt, der Kinderpornos besessen haben soll, die auf dem Platz entstanden sind. Der Minderjährige stammt aus dem Umfeld des Campingplatzes. Die Ermittler prüfen, ob er selbst Opfer des Missbrauchs geworden ist.

Daneben könnten zwei Eltern von Opfern wegen Beihilfe belangt werden. Ihnen wird vorgeworfen, ihre Kinder zu Andreas V. geschickt zu haben, obwohl sie von den Missbrauchsvorwürfen gegen ihn wussten. Dieser Tatverdacht scheint sich laut aktuellem Ermittlungsstand jedoch nicht zu bestätigen. Die Staatsanwalt geht davon aus, dass das Verfahren laut aktuellem Ermittlungsstand gegen die Eltern eingestellt wird.

Kein normaler Tatort

Elbrinxen hat etwa 1200 Einwohner. Der Campingplatz „Eichwald" gehört seit 1971 fest zur Infrastruktur des Dorfes. Der Campingplatz liegt am äußeren Rand des Ortes, zwischen dem Hohen Mörth und dem Isenberg. Er hat eine Größe von etwa 100.000 Quadratmetern. Es gibt 450 Stellplätze, 200 von ihnen sind durch Dauercamper belegt. Direkt gegenüber liegt das Elbrinxer Freibad, in dem Andreas V. oft mit seiner Pflegetochter und anderen Kindern war. Im April 2018 hat es gegen einen anderen Camper eine Anzeige wegen Vergewaltigung einer 15-Jährigen gegeben.

Der Campingplatz "Eichwald" liegt am äußeren Rande Elbrinxens. Die meisten der Parzellen sind durch Dauercamper belegt. - © Vera Gerstendorf-Welle
Der Campingplatz "Eichwald" liegt am äußeren Rande Elbrinxens. Die meisten der Parzellen sind durch Dauercamper belegt. (© Vera Gerstendorf-Welle)


Der Mann soll mit Mario S. befreundet sein. Die Ermittlungen wurden im Oktober 2018 eingestellt. Der Fall wird aber im Zusammenhang der Ermittlungen geprüft. Der Campingplatz befinde sich unter ständiger Aufsicht, heißt es auf dessen Website. Die Camper halten zu Betreiber Frank Schäfsmeier. „Es hat keine Abmeldungen gegeben", sagt er.

Eine Chronik des Verbrechens (zum Durchwischen)

20. Oktober 2018
(© Bernhard Preuss)
20. Oktober 2018
20. Oktober 2018: Eine Mutter zeigt den Missbrauch ihrer Tochter (9) durch Andreas V. bei der Polizei an. Im Zuge der Ermittlungen melden sich zwei weitere Opfer – heute 14 und 15. Sie können sich an Stimmen und vor allem Namen der Männer erinnern, die im Live-Chat Anweisungen zum sexuellen Missbrauch gegeben haben sollen.
13. November 2018
(© Symbolbild: Pixabay)
13. November 2018
13. November 2018: Das Pflegekind von Andreas V. wird abgeholt und anders untergebracht.
6. Dezember 2018
(© Vera Gerstendorf-Welle)
6. Dezember 2018
6. Dezember 2018: Andreas V. wird auf dem Campingplatz verhaftet. Die Ermittler stellen eine große Menge Datenträger mit Kinderpornos sicher.
20. Dezember 2018
(© Bernhard Preuss)
20. Dezember 2018
20. Dezember 2018: Ein Polizei-Anwärter wird mit der Sichtung mehrerer Asservate beauftragt. In der Kreispolizeibehörde nimmt er sie mit in einen ungesicherten Arbeitsraum, sichtet drei CDs, zieht aber keine Sicherungskopien. Die Polizei sagt später, dass an diesem Tag die 155 CDs in einer Mappe und einem Alukoffer das letzte Mal gesehen wurden.
10./11. Januar 2019
(© Symbolbild: Pixabay)
10./11. Januar 2019
10./11. Januar 2019: Am 10. Januar wird Heiko V. verhaftet. Er legt später ein Teilgeständnis ab. Am 11. Januar wird Mario S. auf dem Campingplatz festgenommen. Die Polizei beschlagnahmt 14 PCs und weitere Datenträger aus dem Keller seiner Wohnung in Steinheim.
30. Januar 2019
(© Bernhard Preuss)
30. Januar 2019
30. Januar 2019: Die Öffentlichkeit wird über den Missbrauchsfall informiert – die Rede ist von 23 Opfern, Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren.
Anfang Februar 2019
(© Jannik Stodiek)
Anfang Februar 2019
Anfang Februar 2019: Die EK „Eichwald" bei der Polizei Bielefeld übernimmt am 1. Februar die Ermittlungen von den Lippern. Neue Opferzahl: 29. Am 5. Februar stellt sich Hamelns Landrat Tjark Bartels auf einer Pressekonferenz hinter die Mitarbeiter seines Jugendamts. Diese waren für die Unterbringung des Pflegekindes verantwortlich.
11. Februar 2019
(© Symbolbild: Pixabay)
11. Februar 2019
11. Februar 2019: Ein führender Mitarbeiter im Jugendamt Hameln-Pyrmont wird suspendiert. Er hat in einer Akte nachträglich einen Vermerk ergänzt und zurückdatiert. Landrat Bartels gibt zu: Acht Wochen hat sich kein Fachdienst um das Pflegekind gekümmert. Die Zahl der Verdächtigen steigt auf sechs. Eine Person soll für Mario S. Daten gelöscht haben. Gegen zwei Eltern wird wegen Beihilfe ermittelt.
21. Februar 2019
(© Federico Gambarini/dpa)
21. Februar 2019
21. Februar 2019: Erst jetzt gibt Innenminister Reul bekannt, dass 155 CDs/DVDs an Beweismitteln bei der Polizei Lippe verschwunden sind. Die Polizei hatte den Verlust bereits am 30. Januar bemerkt, die Staatsanwaltschaft wusste davon seit dem 13. Februar.
22. Februar 2019
(© Bernhard Preuss)
22. Februar 2019
22. Februar 2019: Das Auto von Andreas V. wird beschlagnahmt. In seinem Wohnwagen werden weitere 131 CDs, ein Computer und eine Festplatte gefunden. Es werden Bauzäune aufgestellt, um die Parzellen von V. und Mario S. zu sichern. Landrat Axel Lehmann feuert als erste Konsequenz Lippes Kripo-Chef Wolfgang Pader.
26. Februar 2019
(© Bernhard Preuss)
26. Februar 2019
26. Februar 2019: Innenminister Reul versetzt Lippes Polizeidirektor Bernd Stienkemeier, Nachfolgerin wird Margit Picker (dritte von links) vom LKA. Matthias Brand (rechts) übernimmt die Leitung der Direktion Kriminalität. Es taucht ein siebter Beschuldigter auf – ein 16-Jähriger aus dem Umfeld des Campingplatzes soll Kinderpornos besitzen. Möglicherweise ist er selbst auch Missbrauchsopfer.
27. Februar 2019
(© Bernhard Preuss)
27. Februar 2019
27. Februar 2019: Die bisher größte Durchsuchungsaktion auf dem Campingplatz startet. Ein Team aus 15 Spezialisten räumt drei Tage lang die Parzellen von V. und S. leer. Sie finden neue Beweismittel.


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von Janet König, Yvonne Glandien und Silke Buhrmester

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